Kryptowährungen

Happy Birthday, Bitcoin!

Am Mittwoch wurde die Kryptowährung Bitcoin zehn Jahre alt. Ihr Marktwert beträgt 110 Milliarden Dollar. Nicht schlecht für einen Jungspund. Trotzdem hat er seine Ziele verfehlt, die Hoffnungen enttäuscht. Bitcoin sollten sicher und wertbeständig sein, weil sie nicht von Zentralbanken entwertet werden können. Sie sollten Anonymität gewähren und Zahlungen billiger machen, indem sie die Banken als teure Zwischenhändler ausschalten. Sie sollten das Geldsystem demokratischer machen, indem sie es der staatlichen Kontrolle entziehen. Algorithmen sollten das Vertrauen in Institutionen ersetzen.

Das Angebot an Bitcoin ist begrenzt, Inflation kann es nicht geben. Aber das schafft ein neues Problem: Bitcoin werden zum Spekulationsobjekt, ihr Wert schwankt extrem. Das macht sie riskant als Wertaufbewahrungsmittel und unbrauchbar als Zahlungsmittel. Bitcoin werden deshalb kaum für Käufe genutzt, fast jede zweite Transaktion hängt mit illegalen Aktivitäten zusammen. Zwar bieten Bitcoin mehr Schutz der Privatsphäre als andere Zahlungssysteme, aber die Anonymität ist begrenzt. Geldtransfers mit Bitcoin sind langsam und aufwendig. Die Kosten für die Systemsicherheit und die Transfergebühren sind so hoch, dass sie Kleinzahlungen praktisch verunmöglichen. Für technisch weniger Versierte sind die Risiken im Umgang mit Kryptowährungen weit gravierender als bei herkömmlichem Geld. Hackerangriffe sind alltäglich, Manipulationen möglich.

Kryptowährungen sind eine interessante Innovation, aber sie können staatliches Geld nicht ersetzen. Sie beruhen auf einer eleganten Technologie, aber auf eine wirklich nützliche Anwendung warten wir noch.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 4. November 2018

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Maduro setzt auf den Krypto-Hype

Venezuela macht Werbung für den Petro, eine Kryptowährung, mit der sich der bankrotte südamerikanische Staat Devisen beschaffen will. Am Dienstag startete der Vorverkauf. Präsident Nicolás Maduro behauptet, es sei mehr als eine Milliarde Dollar eingegangen. Der Petro soll an den Wert von einem Fass Erdöl gekoppelt sein und etwa 60 Dollar betragen. Da die Landeswährung Bolivar durch die Hyperinflation praktisch wertlos wurde, wäre eine stabile Währung attraktiv.

Doch die Informationen der Regierung sind widersprüchlich und unvollständig. Wer den Petro kauft, erwirbt offensichtlich keinerlei Anspruch auf Öl. Er kann ihn bloss zu einem von der Regierung manipulierten Kurs gegen Bolivar tauschen und damit Steuern zahlen. Der Petro stellt also lediglich eine Staatsschuld dar, die mit noch nicht geförderten Ölvorräten besichert wird. Das ist niemals 60 Dollar pro Fass wert, erst recht nicht bei einem Schuldner mit einer so miesen Zahlungsmoral wie Venezuela. Petros kaufen kann man nur mit Dollars, Euros oder Kryptowährungen – doch Venezolanern ist der Kauf von Fremdwährungen verboten. Auch Ausländer sollten die Finger davon lassen. Die USA haben bereits gewarnt, Petros könnten als Umgehung der Sanktionen angesehen werden.

Zum Glück für unvorsichtige Anleger funktioniert die Petro-Website nicht richtig. Die behaupteten Einnahmen sind erfunden oder manipuliert. Hugo Chávez und sein Nachfolger Maduro haben Venezuela mit ihrem «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» ruiniert. Der Hype um Kryptowährungen bietet Maduro eine letzte Chance, zu Geld zu kommen. Denn Staatsanleihen kauft ihm längst niemand mehr ab. Am Donnerstag kündigte er auch noch einen «Petro Gold» an. Wohl in Anlehnung an Bertolt Brecht («Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?»): Was ist eine Staatsanleihe gegen die Ausgabe einer Kryptowährung?

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 25. Februar 2018

Bitcoin, Kryptokätzchen & Co. – so lohnt sich beten

Bitcoins verloren letzte Woche rund 8000 Dollar oder 40 Prozent an Wert. Das bringt die Bitcoin-Gläubigen nicht aus dem Konzept. Ihr Credo heisst «HODL». Nach einem Kurseinbruch hatte ein Softwareentwickler 2013 in einem Blogpost mit dem Titel «I am hodling» begründet, warum er Bitcoins auf ­keinen Fall verkaufen, sondern immer halten (hold) werde. Der Druckfehler machte ihn berühmt. Seither senden die Gläubigen, immer wenn der Bitcoin-Kurs sinkt, ihr «HODL» via soziale Medien in den Äther.

Jeder kann Geld schaffen, erklärte der Ökonom Hyman Minsky, ein Experte für Finanzkrisen und Spekulationsblasen, schon vor Jahrzehnten. «Das Problem ist, es akzeptiert zu bekommen.» Das hat bei Bitcoins bisher nicht schlecht funktioniert, obwohl sie als Währung schlecht taugen. Der Handel ist anfällig für Betrug, die Transaktionen sind langsam und teuer. Am Freitag, als der Kurs steil nach unten ging, warteten zeitweise über 280 000 Transaktionen auf eine Bestätigung. Bei den Kryptokätzchen, die in den letzten Wochen Furore machten, ist die Luft allmählich wieder draussen. Ihr Durchschnittspreis hat sich seit Anfang Dezember fast halbiert, Spitzenpreise wurden nicht mehr bezahlt. Es sieht so aus, als ob die Preise von über 100’000 Dollar von Früheinsteigern manipuliert waren, um Spieler anzulocken.

Mit Kryptowährungen ist fast alles möglich. Zum Beispiel ein digitalisiertes Gebet – «an Gott gesandt und in der Blockchain gespeichert». Der Prayer Token kostet derzeit rund 18 Dollar. «Ich weiss nicht, ob Gebete wirken, aber wenn sie es tun, dann erhalten Sie mehr Wert mit einem Prayer Token als mit jeder anderen Währung», verspricht der Anbieter. «Andere Kryptowährungen auf dem Markt wollen nur Ihr Geld – ich will Ihre Seele retten!» Das klingt doch nach einem fairen Angebot.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 24. Dezember 2017