Monat: Februar 2018

Wenn aus Science-Fiction Realität wird

Drohnen sind längst nicht mehr nur der Renner im Spielwarengeschäft. Gemäss Schätzungen fliegen in der Schweiz schon mehr als 100 000 Stück. Die Anwendungsmöglichkeiten scheinen unbegrenzt. Die Post und der Spitalverbund EOC testeten im letzten Jahr eine Drohnenverbindung zwischen zwei Spitälern in Lugano. Ab Sommer wollen die Partner einen regulären Drohnentransport für Laborproben oder dringend benötigte Medikamente aufnehmen. In Grossstädten sollen Drohnen Organe rechtzeitig für die Transplantation zum Empfänger ins Spital bringen. In Australien, Ruanda oder Ghana schicken Gesundheitsdienste Medikamente oder Blutkonserven in schwer erreichbare Gebiete. Sie sparen damit Zeit und retten Leben.

In afrikanischen Staaten setzen Parkwächter und Tierschützer auf Drohnen, um Wilderern das Handwerk zu legen. Wissenschafter erforschen damit seltene Tierarten. Drohnen revolutionieren in Kombination mit Sensoren, Datenanalysen und Robotern die Landwirtschaft. Sie helfen, den Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln auf dem Acker zu optimieren. Facebook testet solarbetriebene Drohnen, um Helfern in Katastrophengebieten und Bewohnern entlegener Landstriche einschnelles Internet zur Verfügung zu stellen.

Neue Technologien sind jedoch immer zweischneidig. Braucht es noch Pöstler, wenn Amazons Drohnen die Pakete schneller und billiger liefern können? Statt Medikamente zu den Patienten fliegen sie auch Drogen ins Gefängnis oder spionieren den Nachbarn aus. Im November diskutierte die UNO-Konvention gegen unmenschliche Waffen in Genf ein Verbot von tödlichen autonomen Waffen – zum Beispiel Drohnen, die ihre Ziele ohne weitere menschliche Einwirkung finden und angreifen können. Drohnen sind billig. Sie könnten auch von Terroristen und Verbrechern eingesetzt werden. Drohnensteuerung, Gesichtserkennung und Bomben müssen nur noch verbunden werden, dann wird aus Science-Fiction Realität.

Angesichts der Gefahren rüsten die Behörden auf. In der EU müssen sich Piloten und ihre Drohnen bald registrieren lassen. Das wird auch in der Schweiz früher oder später der Fall sein. Wir können nicht voraussehen, wie und wozu neue Technologien eingesetzt werden. Gesetze und Regulierungen müssen den drohenden Gefahren gerecht werden, ohne die menschliche Kreativität zur Lösung von Problemen zu ersticken. Das war schon immer schwierig. 1899 einigte man sich auf einer internationalen Friedenskonferenz in Den Haag auf ein Verbot, «Geschosse und Sprengstoffe von Ballons abzuwerfen». Was Sinn zu machen schien, erwies sich schon sehr bald als töricht.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 25. Februar 2018

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Maduro setzt auf den Krypto-Hype

Venezuela macht Werbung für den Petro, eine Kryptowährung, mit der sich der bankrotte südamerikanische Staat Devisen beschaffen will. Am Dienstag startete der Vorverkauf. Präsident Nicolás Maduro behauptet, es sei mehr als eine Milliarde Dollar eingegangen. Der Petro soll an den Wert von einem Fass Erdöl gekoppelt sein und etwa 60 Dollar betragen. Da die Landeswährung Bolivar durch die Hyperinflation praktisch wertlos wurde, wäre eine stabile Währung attraktiv.

Doch die Informationen der Regierung sind widersprüchlich und unvollständig. Wer den Petro kauft, erwirbt offensichtlich keinerlei Anspruch auf Öl. Er kann ihn bloss zu einem von der Regierung manipulierten Kurs gegen Bolivar tauschen und damit Steuern zahlen. Der Petro stellt also lediglich eine Staatsschuld dar, die mit noch nicht geförderten Ölvorräten besichert wird. Das ist niemals 60 Dollar pro Fass wert, erst recht nicht bei einem Schuldner mit einer so miesen Zahlungsmoral wie Venezuela. Petros kaufen kann man nur mit Dollars, Euros oder Kryptowährungen – doch Venezolanern ist der Kauf von Fremdwährungen verboten. Auch Ausländer sollten die Finger davon lassen. Die USA haben bereits gewarnt, Petros könnten als Umgehung der Sanktionen angesehen werden.

Zum Glück für unvorsichtige Anleger funktioniert die Petro-Website nicht richtig. Die behaupteten Einnahmen sind erfunden oder manipuliert. Hugo Chávez und sein Nachfolger Maduro haben Venezuela mit ihrem «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» ruiniert. Der Hype um Kryptowährungen bietet Maduro eine letzte Chance, zu Geld zu kommen. Denn Staatsanleihen kauft ihm längst niemand mehr ab. Am Donnerstag kündigte er auch noch einen «Petro Gold» an. Wohl in Anlehnung an Bertolt Brecht («Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?»): Was ist eine Staatsanleihe gegen die Ausgabe einer Kryptowährung?

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 25. Februar 2018

Was Boxer von Organspendern unterscheidet

Mehr als 100 Millionen TV-Zuschauer sahen sich die diesjährige Superbowl an, das Finalspiel im American Football. Football ist der populärste und lukrativste Sport in den USA. So populär und lukrativ, dass man Kollateralschäden in Kauf nimmt. Keine Sportart verzeichnet mehr Gehirnverletzungen. In 110 von 111 untersuchten Gehirnen ehemaliger Profispieler wiesen Forscher die Gehirnerkrankung Chronisch-traumatische Enzephalopathie nach.

Football-Profis gehen das Risiko freiwillig ein – und sie werden gut dafür bezahlt. Dieses Argument gilt anderswo jedoch nicht: So ist es verboten, Nierenspender für ihre gute Tat zu bezahlen. Ende 2017 standen in der Schweiz 1556 Patienten auf der Warteliste für eine Spenderniere, fast 30 Prozent mehr als vor fünf Jahren. Sie müssen sich einer aufwendigen, schmerzhaften und teuren Blutwäschetherapie unterziehen. Für manche ist das Warten tödlich. 2017 starben 26 Patienten auf der Warteliste.

Warum zahlen wir Football-Profis, die uns unterhalten, verbieten aber die Entschädigung von Spendern, die Leben retten? Das fragen die US-Professoren Kimberley Krawiec und Philip Cook in einer kürzlich veröffentlichten Studie. Gegen die Bezahlung von Organspendern werden oft ethische Argumente vorgebracht. Der finanzielle Anreiz könne Menschen dazu bringen, gegen ihre eigentlichen Interessen zu handeln, und das führe zur Ausbeutung von Armen. Krawiec und Cook halten dagegen. Die Gesundheitsrisiken einer Profikarriere im Football oder Boxen sind weit grösser als die eines Nierenspenders. Footballer und Boxer kommen oft aus armen Verhältnissen, die meisten sind Schwarze oder Hispanoamerikaner.

Für die Entschädigung von Nierenspendern gibt es sehr viel stärkere Argumente als für die Bezahlung von Profisportlern. Denken Sie daran, wenn Sie sich in 14 Tagen den Boxkampf um den Weltmeistertitel im Schwergewicht zwischen Deontay Wilder und Luis Ortiz anschauen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 18. Februar 2018

Postauto-Skandal bietet Chance für Korrekturen bei Staatsbetrieben – und Gratiswerbung für Massenmörder

Nachdem in den 1990er-Jahren verschiedene Bundesbetriebe ausgelagert worden waren, legte der Bundesrat 2006 mit dem Bericht zur Corporate Governance die Grundlage für seine heutige Politik als Eigentümer von Post, SBB, Swisscom und anderen Staatsbetrieben. Da wurde vieles richtig gemacht. Es wurden moderne Prinzipien und Richtlinien erarbeitet, wie das Volkseigentum an den staatseigenen Betrieben zu schützen und zu entwickeln ist, wie die Unternehmen gesteuert und kontrolliert werden sollen.

Der Postauto-Skandal zeigt, dass die Arbeit nie abgeschlossen ist. Die Steuerung und Kontrolle von Staatsbetrieben ist nicht einfacher geworden. Die Zuweisung der Verantwortung wurde nicht überall überzeugend geregelt. Die Mehrfachrolle als Eigentümer, Regulator und Auftraggeber provoziert Zielund Interessenkonflikte. Wie diese gelöst werden können, zeigen die kürzlich überarbeiteten OECD-Leitsätze zur Corporate Governance in staatseigenen Unternehmen. Hier gilt es nun nachzubessern. Es ist deshalb richtig, dass das Parlament das Thema in der kommenden Session auf die Traktandenliste nimmt.

Und nun zu etwas völlig anderem:

Nach einer Häufung von Terroranschlägen und Amokläufen im Sommer 2016 entschieden wir uns bei SonntagsZeitung und «Tages-Anzeiger», keine Bilder von Attentätern mehr zu publizieren und ihre Namen abzukürzen. Es ging darum, den Tätern – wie etwa jenem von Florida am Mittwoch – keine Bühne zu geben und womöglich Nachahmer zu animieren. Wir waren uns bewusst, dass unser Einfluss sehr begrenzt ist. Auch ohne uns werden Namen und Bilder weiterhin im Netz zu sehen sein. Die Reaktion der Leserinnen und Leser war mehrheitlich positiv, jene der Kollegen und Medienkritiker negativ, unter anderem weil im Web in Einzelfällen Namen in Texten von Agenturen durchrutschten.

Unterstützung erfährt unsere Haltung nun von Adam Lankford, Professor für Kriminalistik und Strafrecht an der Universität von Alabama. In einer kürzlich veröffentlichten Studie vergleicht er die Medienpräsenz von Massenmördern mit Stars aus Sport, Film und Fernsehen. Einige Täter erhielten mehr Medienpräsenz als die berühmtesten US-Stars, darunter Kim Kardashian, Brad Pitt, Tom Cruise, Johnny Depp und Jennifer Aniston. «Diese Medienaufmerksamkeit stellt Gratiswerbung dar für Massenmörder, was die Wahrscheinlichkeit von Nachahmungstätern erhöht», stellt Lankford fest. In einem von 149 Experten unterzeichneten öffentlichen Brief fordert er die Medien auf, zwar weiterhin über die Verbrechen zu berichten, aber auf Namen und Fotos der Täter zu verzichten.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 18. Februar 2018

Populistische Wahlversprechen lohnen sich

Die Schweizerische Nationalbank hat die Wahlen in Polen beeinflusst und der rechtsna­tionalen Partei PIS 2015 zur ­absoluten Mehrheit verholfen. Wie es dazu kam, zeigt eine Unter­suchung von drei Forschern, darunter Stefanie Walter, Professorin für Politische Ökonomie an der Universität Zürich.

Nach dem EU-Beitritt 2004 hatten rund 575 000  Polen Hypotheken in Franken statt Zloty aufgenommen. Mit dem billigen Franken schien das eine gute Idee. Doch nach dem Ausbruch der Finanzkrise verteuerten sich die Schulden und der Zinsendienst massiv. Die überraschende Aufhebung der Euro-Untergrenze von 1.20  Franken im Januar 2015 durch die Nationalbank brachte die Schuldner endgültig in Not.

Sie organisierten sich und ­forderten staatliche Hilfe. Die rechtsnationale Partei Recht und Gerechtigkeit (PIS) machte das Thema zu einem zentralen ­Element ihres Wahlkampfs und versprach, die Frankenkredite auf Kosten der Banken in Zloty-Darlehen umzuwandeln.

Die Forscher hatten vor den Wahlen in Umfragen die Wahlabsichten und die Einstellungen zu staatlichen Interventionen zugunsten der Frankenschuldner ermittelt. Dabei zeigte sich: Die PIS konnte dank des Wahlversprechens praktisch alle Frankenschuldner, die zuvor die Regierungspartei gewählt hatten, auf ihre Seite ziehen. Wegen des knappen Wahlausgangs ­genügten die Wechselwähler zum Gewinn der absoluten Mehrheit im Parlament. Ohne den Frankenschock wäre das kaum möglich gewesen, so die Forscher.

Fazit der Untersuchung: Gezielte Wahlversprechen zum Schutz spezifischer Bevölkerungs­gruppen vor ausländischen ­Einflüssen lohnen sich für ­populistische Parteien. Aber nicht für die Wähler: Die neue ­Regierung hat mittlerweile erklärt, sich nicht mehr an ihr ­Wahlversprechen zu halten.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 4. Februar 2018