Monat: September 2018

Gut gemeinte Aktionen gegen den Plastikmüll

Plastikmüll in den Ozeanen ist ein ernsthaftes Problem für die Tierwelt. Vor zwei Wochen verliess der 600 Meter lange Müllfänger der Stiftung The Ocean Cleanup San Francisco, um ein Gebiet zwischen Kalifornien und Hawaii von Plastik zu säubern. Die Begeisterung über das kühne Unterfangen ist gross, die Medienaufmerksamkeit ebenfalls.

Grösser als die Begeisterung mancher Umweltschützer ist allerdings die Frustration der Experten. Warum setzt man eine neue, teure Technologie ausgerechnet dort ein, wo die Konzentration von Plastik am geringsten ist, der Betrieb und Unterhalt des Müllfängers aber am aufwendigsten?

Der Plastikmüll entsteht hauptsächlich wegen fehlender und unsachgemässer Entsorgung. Über 70 Prozent davon stammt aus Asien, 17 Prozent aus Afrika und dem Nahen Osten, 5 Prozent aus Südamerika. Die Online-Publikation Our World in Data hat dazu die Fakten zusammengetragen:

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95 Prozent des Plastiks gelangt über die grossen Flüsse Asiens und Afrikas ins Meer:

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Falls die Technologie des Ocean Cleanup funktioniert, sollte man sie nicht mitten im Ozean, sondern an den Mündungen der dreckigsten Flüsse einsetzen.

Auch das wäre noch nicht besonders effektiv. Mit dem gleichen Aufwand liesse sich dramatisch mehr erreichen, wenn man Abfallentsorgungssysteme in Asien und Afrika aufbauen würde.

Man soll das eine tun und das andere nicht lassen, wird argumentiert. Das stimmt nicht. Geld, das für unwirksame Aktionen ausgegeben wird, steht für Sinnvolles nicht mehr zur Verfügung. Mit kleinen Schritten schafft man es auch ans Ziel, heisst es. Aber das gilt nicht, wenn der Plastikabfall schneller wächst, als ihn der Müllfänger aus dem Meer fischen kann.

Dass es allerdings noch wirkungsloser geht, beweist die EU: Sie will Strohhalme verbieten. Selbst wenn Europa und Nordamerika Plastik komplett verbannen würden, nähme der weltweit auf Land und im Wasser unsachgemäss entsorgte Plastikmüll um weniger als 5 Prozent ab.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 23. September 2018

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Keine Angst vor dem Wettbewerb bei der Paketpost

Der Onlinehandel boomt, und die Pöstler liefern immer mehr Pakete frei Haus. Das lockt Konkurrenz an. DHL, eine Tochter der Deutschen Post, will in der Schweiz stark ausbauen. Der Chef des Paketversands bei der Schweizerischen Post warnt, die höheren Löhne für seine Pöstler gerieten deshalb unter Druck.

Das ist ein interessantes Argument, auch Gewerkschafter benutzen es gerne. Aber ergibt es auch Sinn? Ich wage das zu bezweifeln. Wenn ein Beinahe-Monopolist Konkurrenz erhält, sinken in der Regel die Gewinnmargen. Das kann sich auf die Löhne auswirken, muss aber nicht. Besonders in einem zweistellig wachsenden Markt. DHL muss erst einmal sehr viel Personal einstellen, um überhaupt konkurrenzfähig zu werden. Wo nimmt sie wohl all die Päckliboten her? Die Arbeitslosigkeit ist so tief wie seit zehn Jahren nicht mehr. Und mit ihrem Konzept benötigt DHL gute Leute, nicht Anfänger. Sie wird also Pöstler von der Post abwerben. Mit Dumpinglöhnen geht das nicht. Der Lohndruck wirkt in die entgegengesetzte Richtung.

Das Argument der sinkenden Löhne wurde vor zehn Jahren schon beim Markteintritt von Aldi und Lidl bemüht. Auch hier kam alles anders. Die Discounter mussten geschultes Personal bei Migros und Coop abwerben. Die Folge: Die Mindestlöhne im Detailhandel sind kontinuierlich gestiegen. Aldi und Lidl zahlen dem Verkaufspersonal nicht etwa die tiefsten, sondern die höchsten Mindestlöhne. Sie zahlen deutlich besser als das Duopol Migros und Coop, wie die Gewerkschaft Syna feststellen musste.

Deshalb meine Prognose: Nicht nur das Personal, auch die Kunden werden von der neuen Konkurrenz in der Paketzustellung profitieren. Der Wettbewerb macht den Service schneller, bequemer und billiger. Leiden werden wohl die Margen der Post. Allerdings hat sie möglicherweise nicht nur ein Kostenproblem, sondern auch ein Qualitätsproblem.

Sorgen bald Drohnen und Roboter für Lohndruck, oder nehmen sie den Pöstlern gar den Job weg? Auch hier sehe ich keinen Grund für Pessimismus. Die Post experimentiert seit längerem damit. Die Tests seien erfolgreich, heisst es. Das sorgt zuverlässig für Schlagzeilen. Aber Drohnen und Roboter werden Päcklipöstler noch sehr lange nicht ersetzen können. Und selbst wenn: Die Post liefert heute etwa eine halbe Million Pakete pro Tag. Man stelle sich den Luftkrieg und die verstopften Trottoirs vor. Und wenn es schneit – holen wir dann das Päckli wieder selber auf der Post ab?

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 16. September 2018

Bauernverband belehrt die Schulbuben

Die Kosten der Schweizer Agrarpolitik betragen rund 20 Milliarden Franken pro Jahr – mehr als fünfmal so viel wie offiziell ausgewiesen. Steuerzahler und Konsumenten tragen dabei die Hauptlast, Umwelt und Unternehmen den Rest, so eine am Freitag veröffentlichte Studie der Denkfabrik Avenir Suisse. Der Schweizer Bauernverband reagiert mit einer Pressemitteilung, die mehr über ihn selbst als über die Studie aussagt. Es wimmelt darin von abschätzigen Bemerkungen: «absurd», «unsinnig», «peinlich», «abstrus», «reine Zahlenakrobatik», «komplett unrealistisch». Die Studie zeige, dass «die unnötige Denkfabrik nicht mal so weit denken kann wie jeder Erstklässler».

Was hat Avenir Suisse verbrochen? Sie versucht, dem Bürger transparent zu machen, was ihn die Abschottung und die Regulierung der Landwirtschaft wirklich kosten. Dazu gehören eben nicht nur die 3,7 Milliarden Franken an direkten Subventionen, sondern auch unzählige versteckte Belastungen, Kosten für den Grenzschutz, Nachteile für die Exportwirtschaft und Umweltschäden. Davon profitieren oft nicht die Bauern, sondern vor- und nachgelagerte Unternehmen, allen voran der Agrarkonzern Fenaco und die Detailhändler Migros und Coop. Ein «Privilegienregister» mit über 100 Positionen zeigt online den Wildwuchs in der Agrarpolitik.

Natürlich kann man über die Berechnungen streiten, aber die 20 Milliarden kommen der Realität sicher näher als die offiziellen 3,7. Gegenüber dem Bundesrat betrieb der Bauernverband Anfang Jahr Gesprächsverweigerung. Jetzt wischt er eine fundierte Analyse mit abschätzigen Bemerkungen beiseite. Was Stärke markieren soll, verrät Überheblichkeit.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 9. September 2018

Wenn die EU sich in Volksnähe versucht

So wünschen wir uns Politiker: «Die Menschen wollen das, wir machen das.» Das sagt EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, nachdem eine Umfragemehrheit die Abschaffung der Zeitumstellung zwischen Winter- und Sommerzeit zu unterstützen scheint. Juncker demonstriert damit Respekt für den Volkswillen, Bürgernähe, Entschlusskraft und Tempo – also alles, woran es den EU-Repräsentanten in den Augen ihrer Kritiker besonders mangelt.

Die plötzlich ausgebrochene Volksnähe stützt die EU-Kommission auf eine Onlinebefragung. Die ist so dilettantisch gemacht, dass man sie einem Statistikanfänger um die Ohren hauen würde. Die Befragten wurden nicht kontrolliert als Stichprobe aus einer Grundgesamtheit ausgewählt, mitmachen konnte, wer wollte. Eine solche auf Selbstselektion basierende Umfrage ist nicht repräsentativ, machen doch dabei erfahrungsgemäss vor allem Leute mit, denen das Thema wichtig ist, in diesem Fall wohl jene, die sich über die Zeitumstellung nerven. Weniger als 1 Prozent der 511 Millionen EU-Bürger haben mitgemacht, zwei Drittel der Teilnehmenden stammen aus Deutschland.

In wichtigen Fragen zeigen die EU-Chefs eher selten Gehör für die Bevölkerung. Aber auf eine schludrig gemachte Meinungsumfrage wollen sie unverzüglich reagieren, ohne wenigstens vorher die Folgen zu klären. Das nennt man Populismus. Fragt die Kommission die Bürger demnächst, ob sie noch Flüchtlinge aufnehmen wollen, ob sie neue Freihandelsabkommen wünschen oder ob die Agrarsubventionen gekürzt werden sollen?

Die Kommission kann zwar den Krümmungsgrad der Gurken in der gesamten EU festlegen, aber der Entscheid für oder gegen die Sommerzeit ist Sache der Mitgliedsstaaten. Wenn sie sich so einig sind wie in vielen anderen Fragen, haben wir bald einen Flickenteppich von Zeitzonen in Europa.

Mit der Flüchtlingskrise, dem drohenden Handelskrieg, den Ungleichgewichten im Euroraum, dem Klimawandel oder der Staatsverschuldung hätte die EU wahrlich genug Handlungsfelder, wo Entschlusskraft, Bürgernähe und Tempo gefordert wären. Aber nach dem Vorbild der Brexit-Befragung in Grossbritannien glaubt sie, die demokratischen Defizite mit einer Meinungsumfrage kompensieren zu können.

Die Zeitumstellung habe ausgedient, meint Juncker. Mag sein. Aber das Gleiche könnte man über ihn sagen.

Dieser Beitrag erschien in einer leicht gekürzten Fassung in der SonntagsZeitung vom 2. September 2018

Es braucht Transparenz, Aufarbeitung und Prävention

Es gibt wenig gesicherte Erkenntnisse zum Ausmass von sexuellem Missbrauch. Das gilt allgemein, wie auch für Missbrauch durch Autoritätspersonen und speziell durch Vertreter der katholischen Kirche. Die zahlreichen Skandale, die in den letzten dreissig Jahren vielerorts aufgedeckt wurden, nähren zwar den Verdacht, dass Missbräuche in der katholischen Kirche häufiger vorkommen als in anderen Organisationen, Konfessionen oder Schulen. Mit den vorhandenen Daten lässt sich das jedoch nicht belegen.

Aber das Problem wurde viel zu lange ignoriert und tabuisiert. Der Umgang mit Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche war dem Problem bis heute nicht angemessen, wie die Geschehnisse der vergangenen Wochen erneut in aller Deutlichkeit aufgezeigt haben.

Zu lange glaubte die Kirche, die Fälle intern nach eigenem Gutdünken lösen zu können. Die machtvolle Stellung in der Gesellschaft und das Selbstverständnis, als religiöse Gemeinschaft sowieso moralisch richtig zu handeln, haben Aufklärung und Prävention verhindert. Damit hat die Kirche den Opfern geschadet, sie hat die Aufdeckung hinausgezögert und so immer neue Fälle möglich gemacht. Und sie hat dabei ihre eigene Glaubwürdigkeit untergraben.

Priester sind auch nur Menschen. Gemäss Umfragen gehen zwar Gläubige und sogar Atheisten wie selbstverständlich davon aus, religiöse Menschen verhielten sich moralisch besser als Ungläubige. Wenn man jedoch das tatsächliche Verhalten beobachtet und nicht nur auf Selbstdeklarationen abstellt, gibt es kaum Unterschiede zwischen religiösen und nicht religiösen Menschen. Untersuchungen, Experimente und Beobachtungen von Psychologen und Soziologen zeigen seit langem, dass es keinen Zusammenhang zwischen moralischen Qualitäten wie Ehrlichkeit oder Hilfsbereitschaft und Religiosität gibt.

In der Seelsorge gibt es Abhängigkeitsverhältnisse wie in Unternehmen, in Schulen, in der Sozialarbeit oder im Spital. Die Kirche tut deshalb gut daran, ihren Umgang mit Missbrauchsfällen den höchsten Standards anderer Organisationen anzupassen und sie nicht intern regeln zu wollen.

Wie der Bericht der SonntagsZeitung zeigt, unternimmt die Kirche zumindest in der Schweiz seit einiger Zeit viel in Bezug auf Transparenz, Meldepflichten, Aufarbeitung und auch Prävention, um weiteren Schaden zu verhindern. Sie ist auf dem richtigen Weg.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 2. September 2018