Wahrscheinlichkeit

Ein Einfallstor für irreführende Meldungen

Big Data soll Donald Trump zur Wahl verholfen haben. Mit einem cleveren Algorithmus könne man aus Facebook-Profilen präzise Aussagen über die Persönlichkeit treffen. Aus durchschnittlich 68 Facebook-Likes eines Users lasse sich zum Beispiel mit 88-prozentiger Wahrscheinlichkeit vorhersagen, ob er homosexuell ist. Eine Gruppe von Wissenschaftlern um den Psychologen und Risikoexperten Gerd Gigerenzer hat die Aussage diese Woche als «Unstatistik des Monats Dezember» ausgezeichnet. Seit 2012 versuchen sie mit dieser «Ehrung» zu einem vernünftigeren Umgang mit Daten und Fakten beizutragen.

Die 88 Prozent geben gar nicht die Prognosegenauigkeit an. Die Aussage ist viel bescheidener: Wenn man je einen homosexuellen und einen heterosexuellen Mann vor sich hat, kann man diese mit 88 Prozent Wahrscheinlichkeit der richtigen Gruppe zuordnen. Selbst wenn der Algorithmus tatsächlich eine echte Wahrscheinlichkeitsaussage liefern würde, wäre das noch keine besondere Leistung: Würde ich nämlich bei einer Stichprobe von 100 000 Männern vorhersagen, dass alle heterosexuell sind, wäre meine Trefferquote höher als die 88 Prozent des Algorithmus, solange der Anteil der Homosexuellen in der Gesamtbevölkerung weniger als 12 Prozent beträgt.

Unser Hirn ist nicht geschaffen für den Umgang mit Wahrscheinlichkeiten. Das ist ein Einfallstor für irreführende Meldungen. Wenn etwa die Weltgesundheitsorganisation warnt, täglich 50 Gramm Wurst erhöhe das Darmkrebsrisiko um 18 Prozent, oder wenn behauptet wird, Auswertungen von Anfragen bei der Suchmaschine Bing ermögliche die Früherkennung von Bauchspeicheldrüsenkrebs und rette Leben. Der Stoff für die «Unstatistik des Monats» wird uns nicht ausgehen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 11. Dezember 2016

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Erfolglose Kunden sind treue Kunden

10.1.2016 / Armin Müller

Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single über Parship, wie die Datingbörse stolz verkündet. Ist das viel? Eine einfache Rechnung entlarvt die Erfolgsmeldung als Anti-Werbung. Bei 5 Millionen Mitgliedern in Deutschland beträgt die Wahrscheinlichkeit, in einem Jahr den Traumpartner zu finden, nicht mal 2 Prozent, wie Wissenschaftler um den Risikoexperten Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in ihrer «Unstatistik des Monats» berechnet haben.

Kunden enttäuschen ist ein tolles Geschäftsmodell, wenn die Kunden etwas zu sehr wollen. Denn erfolglose Kunden sind treue Kunden. Das weiss auch Swisslos, die flächendeckend damit wirbt, wie das Zahlenlotto Millionäre macht. Die Chance auf einen Volltreffer ist bei zwei Tipps für 5 Franken jedoch verschwindend gering: Sie beträgt 0,0000064 Prozent oder 2 zu 31,5 Millionen. Ökonomen bezeichnen Lotto deshalb als «Idiotensteuer».

Unseren Rechenkünsten verdanken wir es wohl eher nicht, dass die Schweiz zu den reichsten Ländern der Welt zählt. In einem kürzlich durchgeführten Vergleich der Finanzkompetenzen schnitten wir jedenfalls bei der Beantwortung einfacher Fragen zu Zins und Inflation mässig ab, schlechter als die skandinavischen Länder, Israel, Kanada, Grossbritannien oder Deutschland.

Wahrscheinlichkeiten und Risiken kann der Mensch grundsätzlich schlecht einschätzen. Das zeigt sich regelmässig, wenn alarmistische Meldungen über Gesundheitsrisiken die Runde machen. Gerd Gigerenzer fordert deshalb einen Statistikunterricht in der Schule. 

Liebe und Glück werden sich damit zwar nicht erzwingen lassen. Aber Statistik hilft beim Durchschauen von leeren Werbeversprechen, spart Geld und verhilft zu mehr Gelassenheit.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 10. Januar 2016