Sport

Die Aufregung um den Doppelpass zeigt, wie gut die Integration gelungen ist

Etwa 916 000 erwachsene Doppelbürger leben in unserem Land. Von den rund 750 000 Auslandschweizern sind etwa drei Viertel Doppelbürger. Mit ein paar von diesen fast 1,5 Millionen haben wir jetzt offenbar ein Problem. Wo Schweiz draufsteht, muss auch Schweiz drin sein, heisst es. Sollten Xhaka, Shaqiri und ihre Kollegen auf ihren zweiten Pass verzichten müssen, wenn sie in der Schweizer Nati spielen wollen? Der Fussballfunktionär, der die Idee lancierte, benutzte selber den Ausdruck «Schnapsidee», vielleicht um bei Gegenwind einen Notausgang zu haben. Die Aktion mutet an wie das Nachtreten von Oliver Bierhoff, Manager der deutschen Fussballnationalmannschaft, gegen seinen Spieler Mesut Özil: Die Funktionäre versuchen vom eigenen Versagen abzulenken.

Beim Mitsingen oder Nicht-Mitsingen der Nationalhymne, beim Jubel mit Doppeladler, beim Ausscheiden aus dem Turnier – immer wieder kocht sie hoch, die Frage nach der Loyalität der Doppelbürger. Warum kommt sie nicht auf, wenn der Südafrikaner Roger Federer und der Deutsche Stan Wawrinka im Davis-Cup spielen? Vielleicht weil sie ihn erstmals für die Schweiz gewonnen haben? Als die Schweizer U-17 2009 Fussballweltmeister wurde, hatten die Spieler ihre Wurzeln in 14 verschiedenen Ländern – na und? Klar ist jedenfalls: Ohne Doppelbürger wäre die Schweizer Nati sicher nicht im Achtelfinal ausgeschieden. Sie wäre gar nie so weit gekommen.

Die Schweiz ist wenigstens nicht ganz allein mit dem Problem: «Treffe ich, bin ich Franzose. Aber treffe ich nicht, bin ich Araber», hat das Karim Benzema 2011 auf den Punkt gebracht. In den USA hausierte der heutige Präsident auf der gleichen Argumentationsschiene gar jahrelang mit der Verschwörungstheorie, Barack Obama dürfe nicht US-Präsident sein, weil er in Kenia auf die Welt gekommen und in Indonesien aufgewachsen sei.

Seit 1992 wird die doppelte Staatsbürgerschaft bei Einbürgerungen automatisch erteilt. Die weitaus meisten Doppelbürgerrechte entstehen als Folge von gemischten Ehen durch die Weitergabe des Bürgerrechts der Eltern an die Kinder. Echte Probleme sind damit bis heute nicht aufgetaucht. Doppelbürger können Chef der Armee, Grenzwächter, Polizist und sogar Bundesrat werden. Der eingebürgerte Ignazio Cassis hat seinen italienischen Pass abgegeben, bevor er in den Bundesrat gewählt wurde. Sein Gegenkandidat Pierre Maudet sah keinen Anlass, auf die französische Staatsbürgerschaft zu verzichten. Man sollte die Aufregung um unseren Doppelpass positiv lesen. Dass wir überhaupt über solche Probleme streiten, demonstriert, wie gut die Integration der vielen Einwanderer in unserem Land gelungen ist.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 8. Juli 2018

Advertisements

Das schlechte Gewissen beim Elfmeter

24 Penaltys sahen wir in den 48 Gruppenspielen der Fussball-Weltmeisterschaft in Russland, einen auf zwei Spiele. So viele waren es in einem ganzen Turnier noch nie. Drei von vier Schützen waren erfolgreich. Der Videobeweis entlarvte Neymars Schwalbe und verhinderte einen Penalty gegen Costa Rica. Die Ökonomen Mario Lackner und Hendrik Sonnabend hätten Neymar wohl gerne schiessen sehen. Sie untersuchen nämlich, wie sich der Mensch verhält, wenn er einen ungerechtfertigten Vorteil zugespielt erhält. Erkenntnisse aus der Psychologie und Verhaltensökonomie legen nahe, dass uns dies stresst, zögern lässt, Schuldgefühle auslöst und so unsere Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.

Sie testeten die Hypothese erstmals nicht im Labor, sondern im Fussball, wo es um viel Geld und Prestige geht. Dazu untersuchten sie sämtliche 857 Elfmeter aus zehn Saisons der 1. Bundesliga und stuften den Schiedsrichterentscheid als «korrekt», «falsch» oder «zweifelhaft» ein (hier das PDF). Entgegen den Erkenntnissen aus Theorie und Laborexperimenten war die Erfolgsquote völlig unabhängig von der Qualität des Schiedsrichterentscheids. Zu Unrecht gepfiffene Penaltys wurden sogar etwas häufiger versenkt. Dabei spielte es keine Rolle, ob der vermeintlich gefoulte Spieler selber antrat oder ein Teamkollege. Die Trefferquote bei ungerechtfertigten Elfmetern sank dagegen deutlich, wenn es für das Resultat keine Rolle spielte, also das Spiel längst entschieden war.

Im Labor lassen wir uns noch von Fairnessüberlegungen und Schuldgefühlen beeinflussen. Aber im richtigen Leben und wenn es um etwas geht, ist der Egoismus stärker. Die Hoffnung, das schlechte Gewissen lasse Neymar versagen, ist vergebens. Wer Fairness will, setzt besser auf den Videobeweis.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 1. Juli 2018

Was Boxer von Organspendern unterscheidet

Mehr als 100 Millionen TV-Zuschauer sahen sich die diesjährige Superbowl an, das Finalspiel im American Football. Football ist der populärste und lukrativste Sport in den USA. So populär und lukrativ, dass man Kollateralschäden in Kauf nimmt. Keine Sportart verzeichnet mehr Gehirnverletzungen. In 110 von 111 untersuchten Gehirnen ehemaliger Profispieler wiesen Forscher die Gehirnerkrankung Chronisch-traumatische Enzephalopathie nach.

Football-Profis gehen das Risiko freiwillig ein – und sie werden gut dafür bezahlt. Dieses Argument gilt anderswo jedoch nicht: So ist es verboten, Nierenspender für ihre gute Tat zu bezahlen. Ende 2017 standen in der Schweiz 1556 Patienten auf der Warteliste für eine Spenderniere, fast 30 Prozent mehr als vor fünf Jahren. Sie müssen sich einer aufwendigen, schmerzhaften und teuren Blutwäschetherapie unterziehen. Für manche ist das Warten tödlich. 2017 starben 26 Patienten auf der Warteliste.

Warum zahlen wir Football-Profis, die uns unterhalten, verbieten aber die Entschädigung von Spendern, die Leben retten? Das fragen die US-Professoren Kimberley Krawiec und Philip Cook in einer kürzlich veröffentlichten Studie. Gegen die Bezahlung von Organspendern werden oft ethische Argumente vorgebracht. Der finanzielle Anreiz könne Menschen dazu bringen, gegen ihre eigentlichen Interessen zu handeln, und das führe zur Ausbeutung von Armen. Krawiec und Cook halten dagegen. Die Gesundheitsrisiken einer Profikarriere im Football oder Boxen sind weit grösser als die eines Nierenspenders. Footballer und Boxer kommen oft aus armen Verhältnissen, die meisten sind Schwarze oder Hispanoamerikaner.

Für die Entschädigung von Nierenspendern gibt es sehr viel stärkere Argumente als für die Bezahlung von Profisportlern. Denken Sie daran, wenn Sie sich in 14 Tagen den Boxkampf um den Weltmeistertitel im Schwergewicht zwischen Deontay Wilder und Luis Ortiz anschauen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 18. Februar 2018