Monat: Oktober 2016

Das Monopoly-Prinzip

Im letzten Moment hat die EU doch noch die Kurve gekriegt. Das Handelsabkommen Ceta zwischen Kanada und der EU wird heute in Brüssel unterzeichnet. Der TTIP-Vertrag mit den USA ist dagegen kaum mehr zu retten. Auch in der Schweiz werden Handelsabkommen zunehmend als Bedrohung wahrgenommen.

In Europa wie in den USA schwindet das Vertrauen in die wohlstandsfördernde Wirkung des Handels. Stattdessen sehen viele das Monopoly-Prinzip verwirklicht: Am Schluss des Spiels gehört dem Sieger alles, die Verlierer sind bankrott.

Die Erfinderin des Spiels, Elizabeth Magie, wollte damit 1904 die Erkenntnisse des Sozialreformers und Philosophen Henry George verbreiten: dass Monopole und die Bodenrenten der Grundbesitzer zu Armut der Besitzlosen führen. An die Stelle von Steuern auf Arbeit oder produktiven Investitionen wollte George eine Bodenwertsteuer setzen.

Das simple Prinzip des Spiels hat Monopoly zu einem weltweiten Dauererfolg verholfen. Es hat aber auch die intuitive Vorstellung bestärkt, die Wirtschaft sei ein Nullsummenspiel: Was der eine gewinnt, verliert der andere; Ausländer nehmen Einheimischen die Arbeit weg und wenn wir vom Freihandel profitieren, müssen andere deswegen verlieren.

Kinder schmeissen wütend das Brett vom Tisch, wenn sie wieder mal auf Zürich Paradeplatz landen. Aber das Spiel ist nicht die Wirklichkeit. Niemand muss am Paradeplatz einkehren, und Handel gibt es nur, wenn beide Seiten einen Vorteil haben. Die These vom Nullsummenspiel wird seit Jahrhunderten widerlegt. Der Austausch von Gütern und Ideen hat Prosperität und Fortschritt erst ermöglicht. Auch Henry George war deshalb für Freihandel. Leider war er mit seinen Sozialreformen nicht so erfolgreich wie das Spiel.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 30. Oktober 2016

Advertisements

Das A und O des Sparens

Der Erfinder des Schachspiels verlangte als Lohn nur ein Weizenkorn auf das erste Feld des Bretts, auf das zweite Feld zwei und auf jedem folgenden Feld immer die doppelte Menge. So erzählt es die indische Legende. Der König lachte über den Wunsch, aber schliesslich gab es nach 64 Feldern nicht genug Weizen im Land, um ihn zu erfüllen.

Wir können gut abschätzen, wie sich etwas aufaddiert. Aber wenn es ums wiederholte Multiplizieren geht, können wir uns gar nicht vorstellen, wie schnell es gehen kann.

Der US-Wachstumsökonom Paul Romer, seit September 2016 Chefökonom der Weltbank, benutzt die Schachspiellegende, um zu demonstrieren, was in der Entwicklung wirklich den Unterschied macht. 1955 bis 1980 war China mit 2,4 Prozent pro Jahr gewachsen. Nachdem die Machthaber der Bevölkerung ein kleines Stück wirtschaftliche Freiheit liessen, wuchs die Wirtschaft jährlich um 5,8 Prozent. Der kleine Unterschied hatte eine mächtige Wirkung. Hunderte von Millionen arme Menschen schafften den Aufstieg aus Hunger und Elend.

Wenn ein Land mit 2,4 Prozent pro Jahr wächst, verdoppelt sich das Volkseinkommen nach 29 Jahren. Mit 5,8 Prozent aber schon nach 12 Jahren. Deshalb ist eine kluge Wachstumspolitik so wichtig, sie macht den Unterschied zwischen Elend und Prosperität.

Genau gleich funktioniert der Zinseszinseffekt, er ist das A und O des Sparens. Es ist schwierig, die Wirkung von Zuwachsraten abzuschätzen. Aber es gibt eine einfache Faustregel, mit der sich die Macht des Wachstums begreifen lässt: Wenn man die Zahl 70 durch die Wachstumsrate dividiert, erhält man die Anzahl Jahre, die es zur Verdoppelung einer Summe braucht. Die Formel müsste schon in der Primarschule Pflichtstoff sein.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 16. Oktober 2016

Sweatshops: Unbeliebte Fabrikjobs für Afrika

Sweatshops sind schlecht. Multinationale Konzerne, die in Entwicklungsländern Kleider, Schuhe und vieles mehr produzieren lassen, verhelfen den Menschen nicht aus der Armut, sondern sie beuten sie mit Tiefstlöhnen und schlechten Arbeitsbedingungen nur aus. So sehen das globalisierungskritische Organisationen.

Sweatshops sind gut. Die Löhne in diesen Fabriken liegen meist über dem Landesdurchschnitt. Das zusätzliche Jobangebot erhöht den Lebensstandard und fördert die Entwicklung des Landes. Ökonomen wie Paul Krugman argumentieren deshalb, arme Länder bräuchten nicht weniger, sondern mehr Sweatshops.

Der Streit ist alt. In einer soeben veröffentlichten Studie wählten die Ökonomen Chris Blattmann von der Universität Chicago und Stefan Dercon von Oxford einen neuen Weg, um die Frage zu klären, was solche Jobs den betroffenen Arbeiterinnen bringen. In einem Experiment mit fünf Unternehmen in Äthiopien stellten sie zufällig ausgewählte Arbeiter ein und untersuchten die Wirkungen auf deren Einkommen und Gesundheit. Eine zweite Gruppe erhielt ein kleines Startkapital und einen fünftägigen Jungunternehmerkurs. Eine dritte Kontrollgruppe erhielt nichts.

Das Resultat nach einem Jahr: Die Leute mochten die Fabrikarbeit nicht und sprangen ab, sobald sie konnten. Ihre Gesundheit litt spürbar, vor allem wegen Chemikalien und Rauch. Die Fabrikjobs erhöhten das Einkommen gegenüber der Kontrollgruppe kaum, die Starthilfe zur Selbstständigkeit dagegen stark. Nur die Schlechtestqualifizierten, die keine Alternative hatten, erhielten in der Fabrik höhere Löhne.

Globalisierung ist nicht einfach gut oder schlecht. Obwohl für die Mehrheit der Arbeiter unattraktiv, brauche Afrika nicht weniger Sweatshops, folgern die Forscher. Aber man müsse ernsthafter über gesundheitliche Regulierung nachdenken.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 2. Oktober 2016