Gut gemeinte Aktionen gegen den Plastikmüll

Plastikmüll in den Ozeanen ist ein ernsthaftes Problem für die Tierwelt. Vor zwei Wochen verliess der 600 Meter lange Müllfänger der Stiftung The Ocean Cleanup San Francisco, um ein Gebiet zwischen Kalifornien und Hawaii von Plastik zu säubern. Die Begeisterung über das kühne Unterfangen ist gross, die Medienaufmerksamkeit ebenfalls.

Grösser als die Begeisterung mancher Umweltschützer ist allerdings die Frustration der Experten. Warum setzt man eine neue, teure Technologie ausgerechnet dort ein, wo die Konzentration von Plastik am geringsten ist, der Betrieb und Unterhalt des Müllfängers aber am aufwendigsten?

Der Plastikmüll entsteht hauptsächlich wegen fehlender und unsachgemässer Entsorgung. Über 70 Prozent davon stammt aus Asien, 17 Prozent aus Afrika und dem Nahen Osten, 5 Prozent aus Südamerika. Die Online-Publikation Our World in Data hat dazu die Fakten zusammengetragen:

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95 Prozent des Plastiks gelangt über die grossen Flüsse Asiens und Afrikas ins Meer:

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Falls die Technologie des Ocean Cleanup funktioniert, sollte man sie nicht mitten im Ozean, sondern an den Mündungen der dreckigsten Flüsse einsetzen.

Auch das wäre noch nicht besonders effektiv. Mit dem gleichen Aufwand liesse sich dramatisch mehr erreichen, wenn man Abfallentsorgungssysteme in Asien und Afrika aufbauen würde.

Man soll das eine tun und das andere nicht lassen, wird argumentiert. Das stimmt nicht. Geld, das für unwirksame Aktionen ausgegeben wird, steht für Sinnvolles nicht mehr zur Verfügung. Mit kleinen Schritten schafft man es auch ans Ziel, heisst es. Aber das gilt nicht, wenn der Plastikabfall schneller wächst, als ihn der Müllfänger aus dem Meer fischen kann.

Dass es allerdings noch wirkungsloser geht, beweist die EU: Sie will Strohhalme verbieten. Selbst wenn Europa und Nordamerika Plastik komplett verbannen würden, nähme der weltweit auf Land und im Wasser unsachgemäss entsorgte Plastikmüll um weniger als 5 Prozent ab.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 23. September 2018

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Keine Angst vor dem Wettbewerb bei der Paketpost

Der Onlinehandel boomt, und die Pöstler liefern immer mehr Pakete frei Haus. Das lockt Konkurrenz an. DHL, eine Tochter der Deutschen Post, will in der Schweiz stark ausbauen. Der Chef des Paketversands bei der Schweizerischen Post warnt, die höheren Löhne für seine Pöstler gerieten deshalb unter Druck.

Das ist ein interessantes Argument, auch Gewerkschafter benutzen es gerne. Aber ergibt es auch Sinn? Ich wage das zu bezweifeln. Wenn ein Beinahe-Monopolist Konkurrenz erhält, sinken in der Regel die Gewinnmargen. Das kann sich auf die Löhne auswirken, muss aber nicht. Besonders in einem zweistellig wachsenden Markt. DHL muss erst einmal sehr viel Personal einstellen, um überhaupt konkurrenzfähig zu werden. Wo nimmt sie wohl all die Päckliboten her? Die Arbeitslosigkeit ist so tief wie seit zehn Jahren nicht mehr. Und mit ihrem Konzept benötigt DHL gute Leute, nicht Anfänger. Sie wird also Pöstler von der Post abwerben. Mit Dumpinglöhnen geht das nicht. Der Lohndruck wirkt in die entgegengesetzte Richtung.

Das Argument der sinkenden Löhne wurde vor zehn Jahren schon beim Markteintritt von Aldi und Lidl bemüht. Auch hier kam alles anders. Die Discounter mussten geschultes Personal bei Migros und Coop abwerben. Die Folge: Die Mindestlöhne im Detailhandel sind kontinuierlich gestiegen. Aldi und Lidl zahlen dem Verkaufspersonal nicht etwa die tiefsten, sondern die höchsten Mindestlöhne. Sie zahlen deutlich besser als das Duopol Migros und Coop, wie die Gewerkschaft Syna feststellen musste.

Deshalb meine Prognose: Nicht nur das Personal, auch die Kunden werden von der neuen Konkurrenz in der Paketzustellung profitieren. Der Wettbewerb macht den Service schneller, bequemer und billiger. Leiden werden wohl die Margen der Post. Allerdings hat sie möglicherweise nicht nur ein Kostenproblem, sondern auch ein Qualitätsproblem.

Sorgen bald Drohnen und Roboter für Lohndruck, oder nehmen sie den Pöstlern gar den Job weg? Auch hier sehe ich keinen Grund für Pessimismus. Die Post experimentiert seit längerem damit. Die Tests seien erfolgreich, heisst es. Das sorgt zuverlässig für Schlagzeilen. Aber Drohnen und Roboter werden Päcklipöstler noch sehr lange nicht ersetzen können. Und selbst wenn: Die Post liefert heute etwa eine halbe Million Pakete pro Tag. Man stelle sich den Luftkrieg und die verstopften Trottoirs vor. Und wenn es schneit – holen wir dann das Päckli wieder selber auf der Post ab?

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 16. September 2018

Bauernverband belehrt die Schulbuben

Die Kosten der Schweizer Agrarpolitik betragen rund 20 Milliarden Franken pro Jahr – mehr als fünfmal so viel wie offiziell ausgewiesen. Steuerzahler und Konsumenten tragen dabei die Hauptlast, Umwelt und Unternehmen den Rest, so eine am Freitag veröffentlichte Studie der Denkfabrik Avenir Suisse. Der Schweizer Bauernverband reagiert mit einer Pressemitteilung, die mehr über ihn selbst als über die Studie aussagt. Es wimmelt darin von abschätzigen Bemerkungen: «absurd», «unsinnig», «peinlich», «abstrus», «reine Zahlenakrobatik», «komplett unrealistisch». Die Studie zeige, dass «die unnötige Denkfabrik nicht mal so weit denken kann wie jeder Erstklässler».

Was hat Avenir Suisse verbrochen? Sie versucht, dem Bürger transparent zu machen, was ihn die Abschottung und die Regulierung der Landwirtschaft wirklich kosten. Dazu gehören eben nicht nur die 3,7 Milliarden Franken an direkten Subventionen, sondern auch unzählige versteckte Belastungen, Kosten für den Grenzschutz, Nachteile für die Exportwirtschaft und Umweltschäden. Davon profitieren oft nicht die Bauern, sondern vor- und nachgelagerte Unternehmen, allen voran der Agrarkonzern Fenaco und die Detailhändler Migros und Coop. Ein «Privilegienregister» mit über 100 Positionen zeigt online den Wildwuchs in der Agrarpolitik.

Natürlich kann man über die Berechnungen streiten, aber die 20 Milliarden kommen der Realität sicher näher als die offiziellen 3,7. Gegenüber dem Bundesrat betrieb der Bauernverband Anfang Jahr Gesprächsverweigerung. Jetzt wischt er eine fundierte Analyse mit abschätzigen Bemerkungen beiseite. Was Stärke markieren soll, verrät Überheblichkeit.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 9. September 2018

Wenn die EU sich in Volksnähe versucht

So wünschen wir uns Politiker: «Die Menschen wollen das, wir machen das.» Das sagt EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, nachdem eine Umfragemehrheit die Abschaffung der Zeitumstellung zwischen Winter- und Sommerzeit zu unterstützen scheint. Juncker demonstriert damit Respekt für den Volkswillen, Bürgernähe, Entschlusskraft und Tempo – also alles, woran es den EU-Repräsentanten in den Augen ihrer Kritiker besonders mangelt.

Die plötzlich ausgebrochene Volksnähe stützt die EU-Kommission auf eine Onlinebefragung. Die ist so dilettantisch gemacht, dass man sie einem Statistikanfänger um die Ohren hauen würde. Die Befragten wurden nicht kontrolliert als Stichprobe aus einer Grundgesamtheit ausgewählt, mitmachen konnte, wer wollte. Eine solche auf Selbstselektion basierende Umfrage ist nicht repräsentativ, machen doch dabei erfahrungsgemäss vor allem Leute mit, denen das Thema wichtig ist, in diesem Fall wohl jene, die sich über die Zeitumstellung nerven. Weniger als 1 Prozent der 511 Millionen EU-Bürger haben mitgemacht, zwei Drittel der Teilnehmenden stammen aus Deutschland.

In wichtigen Fragen zeigen die EU-Chefs eher selten Gehör für die Bevölkerung. Aber auf eine schludrig gemachte Meinungsumfrage wollen sie unverzüglich reagieren, ohne wenigstens vorher die Folgen zu klären. Das nennt man Populismus. Fragt die Kommission die Bürger demnächst, ob sie noch Flüchtlinge aufnehmen wollen, ob sie neue Freihandelsabkommen wünschen oder ob die Agrarsubventionen gekürzt werden sollen?

Die Kommission kann zwar den Krümmungsgrad der Gurken in der gesamten EU festlegen, aber der Entscheid für oder gegen die Sommerzeit ist Sache der Mitgliedsstaaten. Wenn sie sich so einig sind wie in vielen anderen Fragen, haben wir bald einen Flickenteppich von Zeitzonen in Europa.

Mit der Flüchtlingskrise, dem drohenden Handelskrieg, den Ungleichgewichten im Euroraum, dem Klimawandel oder der Staatsverschuldung hätte die EU wahrlich genug Handlungsfelder, wo Entschlusskraft, Bürgernähe und Tempo gefordert wären. Aber nach dem Vorbild der Brexit-Befragung in Grossbritannien glaubt sie, die demokratischen Defizite mit einer Meinungsumfrage kompensieren zu können.

Die Zeitumstellung habe ausgedient, meint Juncker. Mag sein. Aber das Gleiche könnte man über ihn sagen.

Dieser Beitrag erschien in einer leicht gekürzten Fassung in der SonntagsZeitung vom 2. September 2018

Es braucht Transparenz, Aufarbeitung und Prävention

Es gibt wenig gesicherte Erkenntnisse zum Ausmass von sexuellem Missbrauch. Das gilt allgemein, wie auch für Missbrauch durch Autoritätspersonen und speziell durch Vertreter der katholischen Kirche. Die zahlreichen Skandale, die in den letzten dreissig Jahren vielerorts aufgedeckt wurden, nähren zwar den Verdacht, dass Missbräuche in der katholischen Kirche häufiger vorkommen als in anderen Organisationen, Konfessionen oder Schulen. Mit den vorhandenen Daten lässt sich das jedoch nicht belegen.

Aber das Problem wurde viel zu lange ignoriert und tabuisiert. Der Umgang mit Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche war dem Problem bis heute nicht angemessen, wie die Geschehnisse der vergangenen Wochen erneut in aller Deutlichkeit aufgezeigt haben.

Zu lange glaubte die Kirche, die Fälle intern nach eigenem Gutdünken lösen zu können. Die machtvolle Stellung in der Gesellschaft und das Selbstverständnis, als religiöse Gemeinschaft sowieso moralisch richtig zu handeln, haben Aufklärung und Prävention verhindert. Damit hat die Kirche den Opfern geschadet, sie hat die Aufdeckung hinausgezögert und so immer neue Fälle möglich gemacht. Und sie hat dabei ihre eigene Glaubwürdigkeit untergraben.

Priester sind auch nur Menschen. Gemäss Umfragen gehen zwar Gläubige und sogar Atheisten wie selbstverständlich davon aus, religiöse Menschen verhielten sich moralisch besser als Ungläubige. Wenn man jedoch das tatsächliche Verhalten beobachtet und nicht nur auf Selbstdeklarationen abstellt, gibt es kaum Unterschiede zwischen religiösen und nicht religiösen Menschen. Untersuchungen, Experimente und Beobachtungen von Psychologen und Soziologen zeigen seit langem, dass es keinen Zusammenhang zwischen moralischen Qualitäten wie Ehrlichkeit oder Hilfsbereitschaft und Religiosität gibt.

In der Seelsorge gibt es Abhängigkeitsverhältnisse wie in Unternehmen, in Schulen, in der Sozialarbeit oder im Spital. Die Kirche tut deshalb gut daran, ihren Umgang mit Missbrauchsfällen den höchsten Standards anderer Organisationen anzupassen und sie nicht intern regeln zu wollen.

Wie der Bericht der SonntagsZeitung zeigt, unternimmt die Kirche zumindest in der Schweiz seit einiger Zeit viel in Bezug auf Transparenz, Meldepflichten, Aufarbeitung und auch Prävention, um weiteren Schaden zu verhindern. Sie ist auf dem richtigen Weg.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 2. September 2018

Schwindel statt Wunder

 

2,6 Millionen Bolivar kostet eine Rolle WC-Papier in Caracas. Was das heisst, zeigt das Foto mit dem Stapel von 2600 Tausendernoten, der grössten Banknote Venezuelas. Es ist zehn Tage alt, heute wäre der Stapel noch höher. Die Preise haben sich in einem Monat etwa verdoppelt. Die Inflation im Land wird auf rund 55’000 Prozent pro Jahr geschätzt. Ex-Präsident Hugo Chávez und sein Nachfolger Nicolás Maduro haben Venezuela mit ihrem «Sozialismus des 21.Jahrhunderts» ruiniert. Die Menschen hungern, Millionen verlassen das Land mit den weltweit grössten Erdölvorkommen.

Eine Währungsreform soll die Hyperinflation stoppen. Der neue «souveräne» Bolivar hat fünf Nullen weniger als sein Vorgänger. Das entspricht einer Abwertung des offiziellen Wechselkurses um 96 Prozent. Er wird an die staatliche Kryptowährung Petro gekoppelt. Das soll ihm Stabilität geben, weil der Petro angeblich mit Vorräten der staatlichen Ölgesellschaft PDVSA gedeckt ist.

Das Ganze ist ein grosser Schwindel. Die PDVSA ist heruntergewirtschaftet und hoch verschuldet, der Petro wird nicht gehandelt, falls er überhaupt existiert. «Ich weiss, dass die in Politik verwandelte Liebe zu einem Wunder wird», schwafelt Maduro, «ein Wirtschaftswunder wird in Venezuela geschehen.» Wie der neuen Währung fehlt ihm jegliche Glaubwürdigkeit. Maduro ist weder fähig noch willens, die wirtschaftspolitischen Reformen anzupacken, die die Basis für eine stabile Währung bilden könnten.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 26. August 2018

Das Ausschalten von Steueroasen kann Jobs kosten

Der auf öffentliche Finanzen und Unternehmenssteuern spezialisierte Professor der Duke University zeigt: Schlupflöcher in Steueroasen zu bekämpfen, kann schwere unbeabsichtigte Nebenwirkungen haben. So schlossen die USA zwischen 1996 und 2006 ein Steuerschlupfloch für US-Multis in Puerto Rico. Das brachte erst mal höhere Steuereinnahmen. Aber die betroffenen Multis beschäftigten in den USA rund 11 Millionen Arbeitnehmer und zeichneten für 16 Prozent der Investitionen von kotierten Firmen verantwortlich. Weil das Ende des Schlupflochs ihre Investitionen in den USA verteuerte, reduzierten sie diese um 38 Prozent und verlagerten 1 Million Stellen ins Ausland. Besonders betroffene lokale Arbeitsmärkte litten noch 15 Jahre nach der Steuerreform an tieferen Löhnen und geringerer Beschäftigung.

Einseitige Aktionen gegen das Verschieben von Gewinnen können auch schlecht ausgehen, warnt der Forscher. Mögliche negative Auswirkungen von Trumps Steuerreform auf das Investitionsverhalten von US-Multis seien ungenügend untersucht worden. Die neuen Minimalsteuern für immaterielle Erträge könnten zu Arbeitsplatzverlusten in den USA führen, weil sie die Steuerlast für mobiles Kapital erhöhen. Er empfiehlt stattdessen multilaterale Vorgehensweisen gegen Gewinnverschiebungen. Aber eben: Multilaterale Aktionen sind nicht Trumps Sache.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 12. August 2018

Datendiebstähle gefährden unsere Infrastrukturen

Wer privat und geschäftlich im Internet unterwegs ist, twittert oder über Facebook kommuniziert, übers Web einkauft, Hotel und Flüge bucht, Rechnungen bezahlt, Bankgeschäfte tätigt, Software nutzt und wer weiss noch was alles online treibt, der jongliert zwangsläufig mit vielen Log-ins, Passwörtern und Nummern, die nicht in die falschen Hände gelangen sollten. Knapp 150 Passwörter habe ich selber derzeit in meiner Datenbank gespeichert.

Die Häufigkeit und das Ausmass der Datendiebstähle haben in den letzten fünf Jahren massiv zugenommen. Bisher bekannt wurden vor allem Fälle, in denen Cyberkriminelle mit den gestohlenen Daten Waren im Internet bestellten oder Bankkonten leerten. Hacker können damit aber auch weit schwerwiegendere Angriffe durchführen. Dass auch Beamte, Bundespolizisten und Ruag-Kaderleute in grosser Zahl gehackt werden, gibt zu denken. Und es sollte uns eine Warnung sein. Es geht dabei nicht nur um Onlinekäufe auf fremde Kosten. Bald sollen wir auch übers Internet abstimmen und wählen. 2016 wurde bekannt, dass im bisher grössten Schweizer Fall von Cyberspionage die staatliche Waffenfirma Ruag über Jahre von Cyberkriminellen ausspioniert worden war. Die angeblich aus Russland stammenden Angreifer gelangten nicht nur in das IT-System des Unternehmens, sondern offenbar teilweise auch ins System des Bundes.

Von Cyberattacken geht heute wohl die grösste Bedrohung aus für unsere Infrastrukturen – Finanzsystem, Energieversorgung, Informations- und Verkehrssysteme, Armee und Polizei. Als vor 17 Jahren Terroristen mit entführten Flugzeugen das World Trade Center angriffen, brach das US-Finanzsystem nur dank dem raschen und massiven Eingreifen der US-Zentralbank nicht völlig zusammen. Weil wir immer abhängiger werden von den modernen Informationstechnologien und weil heute alle wichtigen Infrastrukturen miteinander vernetzt sind, könnten Cyberangriffe weit grösseren Schaden anrichten, als al-Qaida das 2001 getan hat. Die Verletzlichkeit ist grösser geworden. Nicht nur Cyberkriminelle, sondern auch Staaten lancieren Cyberattacken. Es wird eine der grössten Herausforderungen sein, unsere Systeme widerstandsfähiger und sicherer zu machen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 5. August 2018

Wäre die Schweiz ein Dorf mit 100 Einwohnern…

Am Mittwoch feiern wir den Nationalfeiertag – der geeignete Anlass, die Schweiz zu erklären. Die Bundesräte gehen mit gutem Beispiel voran. 17 Ansprachen und Auftritte absolvieren sie insgesamt: Johann Schneider-Ammann liegt an der Spitze mit fünf, Ueli Maurer – 2013 mit neun Auftritten der Rekordhalter – ausnahmsweise am Schluss mit null (er besucht seinen Sohn in Norwegen). Da wollen wir nicht abseitsstehen und die Schweiz mit der Statistik abbilden.

Wäre die Schweiz ein Dorf mit 100 Einwohnern, dann wären:

  • 50 Frauen und 50 Männer.
  • 44 ledig, 43 verheiratet (oder in eingetragener Partnerschaft), 8 geschieden und 5 verwitwet.
  • 75 Einheimische, 25 Fremde.
  • 18 Zürcher, 12 Berner, 9 Waadtländer, 8 Aargauer, je 6 Basler (BS & BL), Genfer und St. Galler, 5 Luzerner, je 4 Freiburger, Tessiner und Walliser, je 3 Solothurner und Thurgauer, je 2 Bündner, Neuenburger und Schwyzer, je 1 Appenzeller (IR & AR), Jurassier, Schaffhauser, Unterwaldner und Zuger; (fehlt noch 1 Dorfbewohner bis auf 100 – Glarner und Urner machen weniger als 0,5 Prozent der Bevölkerung aus).
  • 66 zwischen 15 und 65 Jahre alt, 18 im Pensionsalter und 16 Kinder; letztes Jahr wurde 1 Kind geboren, 1 Dorfbewohner verstarb, 2 wanderten ein und 1 aus; und es wurde 1 Hochzeit gefeiert.
  • 37 katholisch, 25 reformiert, 24 konfessionslos und 5 muslimisch (und 9 andere).
  • 63 deutscher Hauptsprache, 23 französischer, 8 italienischer, 5 englischer, 4 portugiesischer und 3 albanischer, je 2 serbsichkroatischer und spanischer (mehrere Hauptsprachen möglich; rätoromanisch als Hauptsprache geben noch 0,5 Prozent der Bevölkerung an).
  • 44 Arbeitnehmende, 18 Rentner, 7 Selbstständige, 5 in Ausbildung (davon 2 Lehrlinge), 3 Erwerbslose, 3 Hausfrauen oder -männer und 16 Kinder.
  • 8 in der Fabrik oder im Gewerbe beschäftigt, 8 im Gesundheitsund Sozialwesen, 7 im Handel, 4 auf dem Bau, je 3 auf der Bank und im Hotel/Restaurant sowie 2 auf der Gemeinde.
  • 39 aktive Vereinsmitglieder und 29 passive.

(Quelle: BFS/eigene Berechnungen)

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 29. Juli 2018

Endlich ists mal wieder richtig Sommer

«Wann wirds mal wieder richtig Sommer?» – In den verregneten Sommern 2011, 2012, 2014 und 2016 gab der Evergreen des Showmasters Rudi Carrell der Stimmung im Lande präzise Ausdruck. Dieses Jahr ist endlich alles anders. Wunderbares Sommerwetter, laue Nächte, Badeferien, ohne verreisen zu müssen – was will man mehr? Vieles natürlich. Der Mensch ist nie zufrieden. Nicht nur die Bauern jammern. Die Meldungen über Waldbrände und Todesopfer in Griechenland, Dürren und Hitzetote können einem tatsächlich die Freude vergällen. Die Sorge um die Umwelt und die Angst vor dem Klimawandel schleichen sich unwillkürlich ein, auch wenn man einfach mal nur da liegen und den Sommer geniessen möchte.

Klimaaktivisten tragen das ihre dazu bei. Wassermangel, Waldbrände, der Krieg in Syrien, Migration aus Afrika: Für jedes Problem wird der Klimawandel verantwortlich gemacht. Die trägen Menschen müssen schliesslich wachgerüttelt werden. Doch die Wirkung ist leider oft auch kontraproduktiv. Was dabei schiefgehen kann, zeigt die Geschichte vom sterbenden Eisbären in der kanadischen Arktis, die im letzten Dezember durch die ganze Welt ging. «So sieht der Klimawandel aus», schrieb das Magazin «National Geographic» zum Video des sterbenden Bären. In seiner neuesten Ausgabe schildern die Filmer, wie es dazu kam. Sie geben zu, dass die Verknüpfung zwischen dem Tod des Eisbären und dem Klimawandel konstruiert war. Im Rückblick sei das Magazin «zu weit gegangen». Statt eines Tierarztes oder der Naturschutzbehörde hatten die Umweltaktivisten ein Filmteam herbeigerufen. Sie filmten und fotografierten und liessen das kranke Tier mehrere Tage leiden. Der Zweck heiligt die Mittel. Aber das funktioniert eben nur kurzfristig. Den Klimawandel für die Migration aus Afrika oder den Krieg in Syrien verantwortlich zu machen, lenkt vom Politikversagen ab. Panikmache schadet der Glaubwürdigkeit der seriösen Klimaforschung.

Aber die Erwärmung ist real. Wir müssen uns die Frage stellen, was alles passieren kann, wenn es auf der Erde noch wärmer wird. Auch wenn aktuelle Wetterphänomene nicht direkt auf den Klimawandel zurückgeführt werden können, die Wissenschaft ist sich einig: Erwärmt sich die Welt weiter, so erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für extrem heisse Tage und andere Wetterextreme.

Wir können den schönen Sommer geniessen, ohne in Pessimismus und Panik zu verfallen. Aber wir müssen über Kosten und Nutzen von Massnahmen diskutieren und alles tun, was wirksam und kostengünstig Gefahren abwenden oder uns vor solchen schützen kann.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 29. Juli 2018