Die Welt ist zu einem besseren Ort geworden

Auf allen Kanälen prasselt ein unaufhörliches Trommelfeuer negativer Nachrichten aus aller Welt auf uns ein: Verbrechen, Terroranschläge, Naturkatastrophen, Krieg, Armut, Umweltzerstörung, Sexismus, Massenentlassungen. Die guten Nachrichten schaffen es seltener in die Nachrichtensendungen und Zeitungsspalten. Aber es gibt sie, und wie! «Die Zahl der Menschen in extremer Armut ist gestern um 137000 gesunken» – diese Schlagzeile hätte man in den letzten 25 Jahren an jedem einzelnen Tag auf die Titelseite setzen können, stellt Max Roser fest. Der Forscher an der Universität Oxford sammelt auf seiner Website OurWorldinData.org Daten zur Entwicklung der Welt.

Demnach ist die Faktenlage eindeutig: Die Welt verändert sich zum Guten, das Leben der Menschen verbessert sich in allen möglichen Bereichen – Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Gesundheit, Gleichberechtigung, Lebensstandard, Schulbildung, Zugang zu Elektrizität und Internet, Toleranz gegenüber Homosexualität. Aber zum Beispiel in Schweden denken nur 10 Prozent der Befragten, die Welt werde besser, in den USA 6 und in Deutschland 4 Prozent, wie eine Umfrage zeigt. Die Pessimisten in den reichen Ländern wissen dabei am wenigsten gut Bescheid.

Wie kommt es zu dieser massiven Wahrnehmungsstörung? Vor allem Berichte über langsame, allmähliche Verbesserungen schaffen es nur selten auf die Titelseiten, selbst wenn sie Millionen Menschen betreffen. Wir sind durch die Evolution darauf getrimmt, auf mögliche Gefahren zu reagieren. Negative Meldungen wecken deshalb mehr Interesse als positive. «Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten», das ist nicht einfach Zynismus der Journalisten.

Zudem gehört Alarmismus zum Geschäftsmodell politischer Aktivisten, Lobbyisten und Unternehmen, denn er bringt Spenden und Aufträge. Eine Studie von Psychologen der Harvard University liefert einen weiteren Grund für Wahrnehmungsfehler. In einem Experiment mussten die Teilnehmer bedrohliche Gesichter neben neutralen und freundlichen identifizieren. Je weniger bedrohliche auftauchten, desto mehr neutrale wurden als bedrohlich eingestuft. Wenn Probleme seltener werden, definieren wir automatisch mehr Dinge als problematisch.

Die Feststellung, dass wir grosse Fortschritte gemacht haben, heisst nicht, den Blick von all den vorhandenen Problemen abzuwenden. Im Gegenteil, so Max Roser: Wir wissen, dass es möglich ist, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, weil wir es bereits getan haben.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen von Herzen frohe Weihnachten!

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 23. Dezember 2018

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Wir haben einiges zu verlieren, wenn wir die Religion einfach beiseiteschieben

Die Religion ist vor allem im Westen seit langem auf dem Rückzug. Jede neue Generation scheint weniger religiös als die vorherige. In einer Untersuchung des Pew Research Center zeigte sich in 46 Ländern ein klarer Altersunterschied: Erwachsene unter 40 Jahren erklärten deutlich seltener als ältere Erwachsene, Religion sei sehr wichtig in ihrem Leben. In 58 Ländern gibt es keinen solchen Altersunterschied, nur in zwei Ländern – Georgien und Ghana – geben sich die Jüngeren im Durchschnitt religiöser als die Älteren.

Zwar glaubt nach wie vor eine Mehrheit der Schweizer an Gott oder an eine höhere Macht. Aber seit 2016 gibt es in der Schweiz mehr Konfessionslose als Reformierte. Seit 1980 hat sich der Anteil der Mitglieder der reformierten Landeskirche fast halbiert, der Anteil der Konfessionslosen versechsfacht. Die reformierte ­Kirche versucht nun mit einer neuen Verfassung Gegensteuer zu geben. Der Rückgang bei den Katholiken wurde dank Einwanderer abgeschwächt.

Religion «ist das Opium des Volks», erklärte Karl Marx. Lenin machte daraus den Kern marxistischer Religionskritik: Die Religion sei eine Art «geistiger Fusel», erfunden, um die Arbeiter auszubeuten. Doch es stellte sich heraus, dass es ohne Religion noch viel leichter fällt, die Hölle auf Erden zu entfachen. Die Religion wurde durch eine mörderische Ideologie ersetzt. Denn «wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt», wie der russische Dichter Fjodor Dostojewski schon Mitte des 19. Jahrhunderts erkannt hatte.

Natürlich wurde auch viel Unrecht im Namen der Religion verübt. Aber die Errungenschaften der westlichen liberalen Gesellschaft, universale Menschenrechte und individuelle Freiheit haben im Christentum ihr geistiges Fundament. Es ­postuliert die Gleichwertigkeit aller Menschen, Gewissensfreiheit und die mitmenschliche Verantwortung.

Wir haben einiges zu verlieren, wenn wir die Religion einfach beiseiteschieben. «Die Kirchen sind leer, Gott stirbt», stellte der Schriftsteller Thomas Hürlimann im «Tages-Anzeiger» fest. Das sei eine Entwicklung, die ihn beängstige. Er möchte nicht zurück in den Katholizismus seiner Kindheit, «noch viel weniger möchte ich aber in einer Gesellschaft leben, die sich restlos entsakralisiert und ihre Gläubigkeit auf Moralismus gründet».

Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen Religiosität und Depression: Religiosität scheint gegen Faktoren zu schützen, die Stress auslösen und zu Depressionen führen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass in manchen US-Bundesstaaten der Rückgang der Religiosität parallel zum Anstieg des Opioid-Missbrauchs verläuft. Und Karl Marx mit seinem Bonmot – wenn auch im umgekehrten Sinne – tatsächlich nochmals recht erhält.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 16. Dezember 2018

Der Brexit als Lehrstück für Megaprojekte

Der Brexit sollte ein Befreiungsschlag werden. Jetzt steckt der Prozess fest und Grossbritannien im Chaos. Der Austritt aus der EU ist ein Megaprojekt, ein aufwendiges und komplexes Vorhaben, vergleichbar mit der Veranstaltung von Olympischen Spielen, dem Bau des Kanaltunnels oder des Berliner Flughafens. Dass Megaprojekte Kosten und Termine überschreiten und nicht bringen, was versprochen wurde, ist die Regel, nicht die Ausnahme. Alle Empfehlungen von Bent Flyvbjerg, anerkannter Experte für Megaprojekte, wurden beim Brexit in den Wind geschlagen:

  • Engagiere einen erfahrenen Projektleiter und ein gutes Team: Der erfahrene Verhandlungsführer schmiss den Bettel schon Anfang 2017 hin, weil seine Warnungen nicht gehört wurden.
  • Machs modular wie Lego, damit das Scheitern eines Teilprojekts nicht das ganze Projekt gefährdet: Stattdessen verhandeln Briten und EU nach dem Motto «Alles auf einmal oder gar nichts».
  • Baue Brücken, bevor du sie brauchst: Vertrauen und offene Kommunikation bringen ein Projekt voran – beim Brexit ein Ding der Unmöglichkeit.
  • Machs von Anfang an richtig: Grossbritannien startete den Countdown zum Austritt aus der EU im März 2017 und setzte sich damit völlig unvorbereitet unter extremen Zeitdruck.
  • Denke vom Ziel her: Die Regierung hatte ein solches nie klar vor Augen.
  • Nimm eine Aussensicht ein, denn übertriebener Optimismus und Wunschdenken sind gefährlich: Realismus stand in der britischen Politik nicht hoch im Kurs.

Als Passagier möchtest du, dass der Flugbegleiter Optimist ist, nicht der Pilot, so Flyvbjerg. Ob der Brexit eine gute Idee ist, darüber lässt sich streiten. Über die Projektleitung nicht.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 16. Dezember 2018

Wir stecken in der Blockade fest

Beim Rahmenabkommen gibt es keinen gemeinsamen Nenner für einen Kompromiss, aber auch keine Mehrheit für die eine oder ­andere Lösung.

Der Bundesrat hat am Freitag den Vertragstext zum Rahmenabkommen mit der EU veröffentlicht, über den die Schweiz nun seit Jahren streitet. Die Regierung konnte sich nicht auf eine klare Aussage einigen, wollte dem Rahmenabkommen weder zustimmen noch es ablehnen. Deshalb spielt sie weiter auf Zeit. Verständlich, dass ihr von allen Seiten mangelnde Führungskraft vorgeworfen wird. «Man müsste halt regieren wollen», kommentierten der Zürcher «Tages-Anzeiger» und der Berner «Bund». «Eine Vision und mehr Leadership», forderte die NZZ. «Jetzt geht es nur noch mit Führungsstärke», hiess es bei der «Schweiz am Wochenende».

In diesem Fall war es vielleicht eine «Mission impossible». Worauf kann sich Führungsstärke gründen, wenn die stärksten Parteien in der Konkordanzregierung diametral entgegengesetzte Positionen vertreten? Die SVP will auf keinen Fall ein Abkommen mit der EU. Die SP will der EU beitreten, aber keinerlei Kompromiss mit ihr akzeptieren. Es gibt keinen gemeinsamen Nenner für einen Kompromiss, aber auch keine Mehrheit für die eine oder ­andere Lösung. Wir stecken in der Blockade fest.

Die Interessen gehen immer stärker auseinander, was an Gemeinsamem noch bleibt, genügt nicht mehr für eine Einigung. Das ist kein schweizerisches Phänomen. In den USA ist die Polarisierung schon viel weiter fortgeschritten. In Grossbritannien entzweit der Streit um den Brexit die Nation. Selbst in Frankreich, wo der Präsident eine weit grössere Machtfülle geniesst als unser Bundesrat, hat sich die ganze Führungsstärke des Emmanuel Macron als wirkungslos entpuppt. Die Ankündigung, die Steuer für Dieseltreibstoff um knapp vier Prozent zu erhöhen, hat eine Revolution ausgelöst. Sobald den Bürgern die Kosten für die Energiewende präsentiert werden, ist es vorbei mit der Einigkeit im Kampf gegen den ­Klimawandel.

Das Verhältnis zur EU, die Migrationsfrage und die Klimapolitik sind die entscheidenden Themen der Zeit. Sie drohen alle in der totalen Blockade zu enden. Früher konnte man solche ­lösen, weil es dank starkem Wachstum allen immer besser ging, weil genug Geld vorhanden war, um die Verlierer zu entschädigen.

Der US-Ökonom Tyler Cowen empfiehlt in seinem neuesten Buch «Stubborn Attachments – Eine Vision für eine Gesellschaft von freien, wohlhabenden und verantwortungsbewussten Menschen» die Konzentration aller Kräfte auf das Ziel, nachhaltiges Wachstum zu maximieren. Um das Wohlergehen der Menschen und dasjenige späterer Generationen zu fördern, gibt es kein besseres Mittel. In der zunehmend polarisierten politischen Landschaft hat seine Botschaft keine Chance. Aber das macht sie nicht weniger dringlich.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 9. Dezember 2018

In Rheinau droht der Reinfall

«Mr. @elonmusk, we have a problem», twitterten die Initianten des Projekts für ein bedingungsloses Grundeinkommen, mit dem 770 Einwohner der Zürcher Gemeinde Rheinau ein Jahr lang mit je 2500 Franken monatlich beschenkt werden sollen. Der Tesla-Gründer soll das Crowdfunding zur Finanzierung des Experiments retten. Denn drei Tage vor Torschluss sind von den benötigten 6,1 Millionen Franken gerade mal 150671 Franken oder 2,5 Prozent gesammelt. Die Initianten wollen «eine mögliche neue Zukunft testen», beobachten, wie sich das Grundeinkommen auf eine bestehende Gemeinschaft auswirkt und was mit den Menschen passiert. Sie wollen «Daten und Informationen für den internationalen Diskurs generieren». Noch bleibt Elon Musk oder anderen Gönnern Zeit bis Dienstagmittag, um das Experiment zu retten.

Ein Scheitern wäre kein grosser Verlust. Die Versuchsanordnung ist so gewählt, dass man aus dem Experiment nicht viel lernen kann. Die Begünstigten wissen, der Geldsegen hört nach einem Jahr auf. Sie werden deswegen nicht ihren Job hinschmeissen. Das Grundeinkommen erhält nur, wer weniger als 2500 Franken verdient, also vor allem Stellenlose, Studenten, Rentner und Hausfrauen.

Das Grundeinkommen als Herdprämie. Daraus lassen sich keine Erkenntnisse über Verhaltensänderungen oder gesellschaftliche Folgen gewinnen. Positiv am Experiment ist die Finanzierung durch Spenden statt Steuergelder. Offenbar waren aber bis gestern Mittag erst 1223 Gönner dazu bereit. An der Volksabstimmung über die Grundeinkommensinitiative im Juni 2016 hatten 568660 mit Ja gestimmt. Da war es halt noch gratis.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 2. Dezember 2018

 


 

Nachtrag

 

crowdfunding_Rheinau

Elon Musk eilte nicht zu Hilfe, und auch sonst niemand. Das Crowdfunding endete bei 151’666 Franken – etwa 2,5 Prozent des benötigten Betrags. 

Infektionskrankheiten prägten die Entwicklung der Menschheit

Infektionskrankheiten gehören seit je zu den häufigsten Todesursachen. Deren Vermeidung war deshalb für das Überleben und die Entwicklung der Menschheit zentral. Die gleichen Schutzmechanismen, die uns über Jahrtausende vorangebracht haben, können heute jedoch zur Diskriminierung von Kranken führen, wie Psychologen gezeigt haben.

In den letzten Jahren haben Forscher wie Jonathan Haidt, Paul Rozin, Clark McCauley oder David Pizarro nachgewiesen, welch wichtige Rolle im Kampf gegen Infektionskrankheiten und bei der Entwicklung der Menschheit das Gefühl des Ekels gespielt hat. Ekel gegenüber Fäkalien, Gerüchen von Verdorbenem und Ähnlichem schützten ursprünglich den Menschen vor der Aufnahme vergifteter Nahrung.

Daraus entwickelte sich während der kulturellen Evolution ein ganzes Wächtersystem der sozialen und moralischen Ordnung. Die Menschen grenzten sich mit Ekel ab von grausigen Dingen, die sie für gefährlich hielten. Sie kommunizierten diese Gefühle in ihren Gemeinschaften, entwickelten Regeln dazu und stellten Tabus auf.

Ekel wurde in der Gesellschaft eingesetzt, um soziale Normen, zum Beispiel Sauberkeit und Hygiene, durchzusetzen. Wer sich nicht an diese sozialen und moralischen Regeln hielt, wurde beschämt, ausgegrenzt und ausgeschlossen.

Daraus entwickelten sich Manieren und religiöse Gebote, lange bevor es Gesetze und Polizisten gab, die diese durchsetzten. Ekel spielte daher eine wichtige Rolle für die öffentliche Gesundheit. Er brachte die Menschen dazu, zusammenzuarbeiten und Zivilisationen aufzubauen. Das Ganze hat aber auch eine gefährliche Seite. Menschen neigen dazu, andere Individuen zu meiden, die Anzeichen von Krankheiten aufweisen. Der Einsatz von Abscheu gegen Menschen, deren Verhalten als gefährlich für die Gemeinschaft bezeichnet wird, kann deshalb leicht zum Schüren von Vorurteilen eingesetzt werden. Allzu leicht können solche Gefühle die Stigmatisierung von Fremden, Homosexuellen, Obdachlosen, Fettleibigen und allen möglichen Gruppen rechtfertigen.

Der medizinische Fortschritt hat sehr viel erreicht im Kampf gegen Infektionskrankheiten, auch im Falle von Aids. Dank Medikamenten bricht die Krankheit nicht mehr aus, die Betroffenen stecken niemanden mehr an. Jetzt geht es darum, mit der Krankheit auch die Stigmatisierung und die Diskriminierung zu überwinden. Das braucht Zeit, aber die bisherigen Erfolge im Kampf gegen Aids geben Anlass zu Optimismus.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 25. November 2018

Denn die Päpste wussten nicht, was sie taten

Funktionierende Institutionen sind ein entscheidender Faktor für den Wohlstand in Europa. Das haben wir zu einem guten Teil den Päpsten zu verdanken. Ab dem 6. Jahrhundert begannen sie, die Regeln gegen Heiraten unter Verwandten zu verschärfen, weit über das hinaus, was die Bibel verbietet. Im 11.Jahrhundert dehnten sie das Eheverbot bis auf Cousins sechsten Grades aus und setzten es rigoros durch. 1215 schränkten sie das Verbot auf Cousins dritten Grades ein. In Regionen, die nicht von der katholischen Kirche beherrscht waren, blieben Verwandtenheiraten dagegen weit verbreitet.

Das Verbot hatte ungeahnte Auswirkungen auf die Entwicklung Europas, wie Jonathan F. Schulz, Forscher an der Universität Harvard, in einer neuen Untersuchung zeigt. Das Eheverbot für Cousins zerstörte die bestehenden Clan-basierten Verwandtennetzwerke. Diese erschweren den Austausch mit Aussenstehenden; sie verhindern, dass sich Vertrauen und Zusammenarbeit über die Grenzen der Familie hinaus ausbreiten, sie fördern Vetternwirtschaft. Die Heiratsregeln der Kirche zwangen die Menschen, ihre Braut- und Bräutigamsuche stark auszudehnen und Beziehungen mit Fremden einzugehen. Das förderte den sozialen Zusammenhalt, betonte die individuellen Rechte und erleichterte die Bildung von Gemeinden, einer Zivilgesellschaft und schliesslich demokratischer Nationalstaaten.

Die Päpste hatten nicht nur selbstlose Gründe. Die Schwächung der adligen Grossfamilien erhöhte die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Linien aussterben und das Erbe an die Kirche fällt. Habgier ist eine Todsünde. Welch Ironie, dass sie über die Zeit solch positive Folgen zeitigte.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 18. November 2018

Happy Birthday, Bitcoin!

Am Mittwoch wurde die Kryptowährung Bitcoin zehn Jahre alt. Ihr Marktwert beträgt 110 Milliarden Dollar. Nicht schlecht für einen Jungspund. Trotzdem hat er seine Ziele verfehlt, die Hoffnungen enttäuscht. Bitcoin sollten sicher und wertbeständig sein, weil sie nicht von Zentralbanken entwertet werden können. Sie sollten Anonymität gewähren und Zahlungen billiger machen, indem sie die Banken als teure Zwischenhändler ausschalten. Sie sollten das Geldsystem demokratischer machen, indem sie es der staatlichen Kontrolle entziehen. Algorithmen sollten das Vertrauen in Institutionen ersetzen.

Das Angebot an Bitcoin ist begrenzt, Inflation kann es nicht geben. Aber das schafft ein neues Problem: Bitcoin werden zum Spekulationsobjekt, ihr Wert schwankt extrem. Das macht sie riskant als Wertaufbewahrungsmittel und unbrauchbar als Zahlungsmittel. Bitcoin werden deshalb kaum für Käufe genutzt, fast jede zweite Transaktion hängt mit illegalen Aktivitäten zusammen. Zwar bieten Bitcoin mehr Schutz der Privatsphäre als andere Zahlungssysteme, aber die Anonymität ist begrenzt. Geldtransfers mit Bitcoin sind langsam und aufwendig. Die Kosten für die Systemsicherheit und die Transfergebühren sind so hoch, dass sie Kleinzahlungen praktisch verunmöglichen. Für technisch weniger Versierte sind die Risiken im Umgang mit Kryptowährungen weit gravierender als bei herkömmlichem Geld. Hackerangriffe sind alltäglich, Manipulationen möglich.

Kryptowährungen sind eine interessante Innovation, aber sie können staatliches Geld nicht ersetzen. Sie beruhen auf einer eleganten Technologie, aber auf eine wirklich nützliche Anwendung warten wir noch.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 4. November 2018

Gleichberechtigung verstärkt die Unterschiede

Männer und Frauen unterscheiden sich in der Berufswahl stark. Informatiker in der Schweiz sind zu 89 Prozent männlich, Ingenieure zu 88 Prozent. 86 Prozent der diplomierten Pflegepersonen und 79 Prozent der Primarlehrer sind Frauen. In Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik machen die Frauen in der Schweiz nur 30 Prozent der Studierenden aus. Das habe mit Geschlechterstereotypen und Diskriminierung zu tun, glauben viele, Erziehung und Politik müssten das ändern. Sie erwarten, dass die geschlechtsspezifischen Unterschiede in den Präferenzen mit der Verwirklichung der Gleichberechtigung abnehmen werden.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse deuten in eine andere Richtung. In einer neuen Studie verglichen die Ökonomen Armin Falk und Johannes Hermle anhand der Daten von 80000 Personen in 76 Ländern die geschlechtsspezifischen Unterschiede in den Präferenzen mit der wirtschaftlichen Entwicklung und dem Stand der Geschlechtergleichheit. Sie stellen fest: Die Unterschiede in den Präferenzen zwischen Frauen und Männern verringern sich nicht, wenn Gleichberechtigung herrscht. Im Gegenteil, sie verstärken sich, wenn Chancengleichheit und Wohlstand zunehmen. Die Schweiz und Skandinavien finden sich diesbezüglich in der Spitzengruppe.

Ein höheres Niveau der wirtschaftlichen Entwicklung und die Gleichstellung der Geschlechter macht es Frauen leichter, bei der Studien- und Berufswahl ihren Interessen und Neigungen nachzugehen. Eine gleiche Geschlechterverteilung in Studienfächern und Berufen kann nicht das Ziel sein. Chancengleichheit sollte es sein. In einer Welt der Chancengleichheit treffen Frauen und Männer freie Entscheidungen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 21. Oktober 2018

Die unendliche Geschichte der schwarzen Liste von Lehrern mit Berufsverbot

Was für eine Zangengeburt! Fälle von pädophilen Lehrern hatten grossen Unmut in der Bevölkerung ausgelöst. Nachdem ihnen wegen sexueller Übergriffe oder Gewalt an Schülern die Lehrbewilligung entzogen worden war, bewarben sie sich einfach andernorts wieder um eine Lehrerstelle – und konnten sich so erneut an Kindern vergreifen.

Daraufhin führten die kantonalen Erziehungsdirektoren eine schwarze Liste ein. Pädophile Lehrer mit einem Berufsverbot sollten ab Anfang 2004 zentral bei der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) registriert werden. So wollte die EDK verhindern, dass ein Lehrer, gegen den in einem Kanton ein Berufsverbot ausgesprochen wurde, sich einfach in einem anderen Kanton erfolgreich um eine neue Stelle bewerben kann.

Doch die Kantone hatten die Rechnung ohne die Datenschützer gemacht. Die Datensammlung sei illegal, die Rechtsgrundlage dafür fehle. Die Kantone würden das Amtsgeheimnis verletzen, wenn sie Namen meldeten. Der Einwand hatte eine gewisse Berechtigung, aber stiess in der Bevölkerung auf wenig Verständnis. Wer verdient Schutz? Die Schüler oder der Lehrer, dessen Unterrichtsbefugnis rechtskräftig entzogen wurde? Für juristische Laien war die Antwort schnell klar. Die Politik brauchte etwas länger. 2005 schuf die EDK eine Rechtsgrundlage für die schwarze Liste.

Endlich alles gut? Leider nein. Die Liste ergibt natürlich nur dann Sinn, wenn tatsächlich alle Kantone mitmachen. Sonst wiegt sie die Schulleitungen in falscher Sicherheit. Denn diese gehen wohl zu Recht davon aus, dass eine Person, die nicht auf der Liste steht, tatsächlich eine Lehrbewilligung besitzt.

2007 schien endlich auch diese Hürde übersprungen. Die Liste wurde für obligatorisch erklärt. Ab Anfang 2008 mussten sämtliche Kantone die Lehrer melden, denen die Unterrichtsbefugnis entzogen worden war. Doch es funktionierte nicht. 2011 setzte der Verein Marche Blanche mit der Pädophileninitiative zusätzlich Druck auf. Sie wurde von den Stimmberechtigten 2014 deutlich angenommen.

Aber auch 15 Jahre nach ihrer Einführung funktioniert die schwarze Liste nicht richtig. Denn der Kantönligeist lebt weiter: Wie die Recherche meiner Kollegen Roland Gamp und Martin Stoll zeigt, melden noch immer nicht alle Kantone den Entzug der Lehrbewilligung an die EDK. Immerhin: Auf Nachfrage der SonntagsZeitung will die waadtländische Erziehungsdirektorin nun handeln – der Kanton will sich in Zukunft an der Liste beteiligen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 28. Oktober 2018