Technologie

Wenn aus Science-Fiction Realität wird

Drohnen sind längst nicht mehr nur der Renner im Spielwarengeschäft. Gemäss Schätzungen fliegen in der Schweiz schon mehr als 100 000 Stück. Die Anwendungsmöglichkeiten scheinen unbegrenzt. Die Post und der Spitalverbund EOC testeten im letzten Jahr eine Drohnenverbindung zwischen zwei Spitälern in Lugano. Ab Sommer wollen die Partner einen regulären Drohnentransport für Laborproben oder dringend benötigte Medikamente aufnehmen. In Grossstädten sollen Drohnen Organe rechtzeitig für die Transplantation zum Empfänger ins Spital bringen. In Australien, Ruanda oder Ghana schicken Gesundheitsdienste Medikamente oder Blutkonserven in schwer erreichbare Gebiete. Sie sparen damit Zeit und retten Leben.

In afrikanischen Staaten setzen Parkwächter und Tierschützer auf Drohnen, um Wilderern das Handwerk zu legen. Wissenschafter erforschen damit seltene Tierarten. Drohnen revolutionieren in Kombination mit Sensoren, Datenanalysen und Robotern die Landwirtschaft. Sie helfen, den Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln auf dem Acker zu optimieren. Facebook testet solarbetriebene Drohnen, um Helfern in Katastrophengebieten und Bewohnern entlegener Landstriche einschnelles Internet zur Verfügung zu stellen.

Neue Technologien sind jedoch immer zweischneidig. Braucht es noch Pöstler, wenn Amazons Drohnen die Pakete schneller und billiger liefern können? Statt Medikamente zu den Patienten fliegen sie auch Drogen ins Gefängnis oder spionieren den Nachbarn aus. Im November diskutierte die UNO-Konvention gegen unmenschliche Waffen in Genf ein Verbot von tödlichen autonomen Waffen – zum Beispiel Drohnen, die ihre Ziele ohne weitere menschliche Einwirkung finden und angreifen können. Drohnen sind billig. Sie könnten auch von Terroristen und Verbrechern eingesetzt werden. Drohnensteuerung, Gesichtserkennung und Bomben müssen nur noch verbunden werden, dann wird aus Science-Fiction Realität.

Angesichts der Gefahren rüsten die Behörden auf. In der EU müssen sich Piloten und ihre Drohnen bald registrieren lassen. Das wird auch in der Schweiz früher oder später der Fall sein. Wir können nicht voraussehen, wie und wozu neue Technologien eingesetzt werden. Gesetze und Regulierungen müssen den drohenden Gefahren gerecht werden, ohne die menschliche Kreativität zur Lösung von Problemen zu ersticken. Das war schon immer schwierig. 1899 einigte man sich auf einer internationalen Friedenskonferenz in Den Haag auf ein Verbot, «Geschosse und Sprengstoffe von Ballons abzuwerfen». Was Sinn zu machen schien, erwies sich schon sehr bald als töricht.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 25. Februar 2018

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Wenn künstliche Intelligenz zuschlägt

Computerprogramme schlagen die besten menschlichen Schachspieler seit dem legendären Kampf von Garry Kasparow gegen den Supercomputer Deep Blue von IBM im Jahr 1997. Erst in diesem Jahr konnte der Computer Alpha-Go erstmals die Nummer 1 der Weltrangliste im komplexen Strategiespiel Go schlagen. Nun hat die Google-Tochter Deep Mind mit Alpha Zero einen selbstlernenden Algorithmus entwickelt, der selbstständig die Strategiespiele Schach, Shogi und Go lernt. Alpha Zero musste nur vier Stunden «üben», um die weltbesten Spielprogramme in einem Turnier zu schlagen: im Schach den bisherigen Weltmeister Stockfish, im Shogi Elmo und im Go den Alpha Go Zero. Alpha Zero hatte alle drei Spiele nur anhand der Regeln und durch Spielen gegen sich selbst erlernt.

Das scheint den Stimmen recht zu geben, die davor warnen, Roboter würden uns dank künstlicher Intelligenz bald all unsere Jobs wegnehmen. In der Vergangenheit haben uns Maschinen immer wieder Arbeit abgenommen. Der Mensch hat sich angepasst und wurde dank maschineller Hilfe viel leistungsfähiger. Es entstanden neue, weniger anstrengende oder gefährliche Berufe. Das angekündigte Heer von arbeitslosen Opfern der Automatisierung wurde nie Wirklichkeit.

Aber werden wir in dem Tempo lernen und uns anpassen können, das die künstliche Intelligenz erfordert? Zweifel sind erlaubt. Andererseits wäre wiederum paradox: Wenn die Roboter so gut werden, wie es die Warner voraussagen, dann sollten sie auch in der Lage sein, unser Lernen auf ein weit höheres Niveau zu heben. Sie sollten uns dann auch beibringen können, wie wir sie sinnvoll ergänzen und wie wir unsere menschlichen Fähigkeiten am besten einsetzen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 10. Dezember 2017

Monster stossen ein Fenster zur Zukunft auf

25.7.2016 / Armin Müller

Es ist ein phänomenaler Erfolg. «Pokémon Go» bricht alle Rekorde. Nie wurde eine Handy-App in der ersten Woche so häufig heruntergeladen wie das neuste Spiel von Nintendo. Durchschnittlich 33 Minuten täglich jagen die Spieler den niedlichen Monstern hinterher. Das ist mehr Zeit, als die Handynutzer mit Whatsapp, Facebook, Snapchat oder Twitter verbringen. Experten schätzen die Einnahmen aus dem Spiel auf etwa 25 Rappen pro Tag pro aktiven Spieler. Die Monster schlagen alles bisher Dagewesene. Seine Bedeutung geht jedoch weit über das Spiel hinaus. Wir werden in den nächsten Jahren eine Welle von Apps sehen, die unser Leben mit erweiterter Realität anreichern. Die von der Handykamera aufgenommene Umgebung wird bald nicht nur von Pikachu, Mauzi und anderen Fantasiefiguren bevölkert sein, sondern von Menschen und Objekten.

Ein Feuerwehrmann wird im brennenden Gebäude nicht nur Mauern, Feuer und Rauch sehen, sondern den Gebäudeplan, zu rettende Opfer, die herrschenden Temperaturen und mögliche Fluchtwege. Virtuelle Plakate und Verkehrsschilder werden uns den Weg weisen. In Tokio werden wir die japanische Speisekarte via Handykamera auf Deutsch lesen können. Der Monteur vor Ort wird sich die nächsten Arbeitsschritte ins Sichtfeld einblenden lassen, der Arzt die Informationen aus Tomografen und Ultraschallgeräten. Historische Persönlichkeiten werden uns durchs Museum führen.

Die Technik der erweiterten Realität ist nicht neu. Aber erst «Pokémon Go» macht sie für Millionen frei zugänglich und nutzbar. Das hat etwa Google Glass nicht geschafft. Das Spiel öffnet damit ein Fenster in die Zukunft. Man wird sich später einmal daran erinnern, weil es für die allermeisten Nutzer das erste Mal war, dass sich die reale Welt einleuchtend mit der virtuellen vermischte.

«Pokémon Go» ist nur ein Spiel, und der Hype mag vielleicht schnell wieder vorbei sein. Aber die Technologie dahinter wird unsere Wahrnehmung der Welt verändern.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Sonntagszeitung vom 24. Juli 2016