Monat: Juli 2017

Flexibilität in der Arbeitswelt 4.0 ist keine Einbahnstrasse

Stolz twitterte Bundesrat Johann Schneider-Ammann diese Woche vom Treffen mit Ivanka Trump, der Tochter des US-Präsidenten. Die USA wollen eine Berufsbildung aufbauen, und die Schweiz sei «bereit, sie dabei zu unterstützen». Die kleine Schweiz hilft den USA beim «Make America Great Again». Ein gutes Gefühl.

Tatsächlich kann sich das Schweizer Bildungssystem sehen lassen. Vor allem die Berufslehre und die hohe Durchlässigkeit des Systems sind Errungenschaften, auf die wir stolz sein können. Trotzdem wird es nicht einfach sein, die Schweizer Lehre zum Exportschlager zu machen, wie sich das Schneider-Ammann wünscht. Ihr Erfolg beruht ganz wesentlich auf der engen Zusammenarbeit von Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Staat, die vom Miteinander und nicht von einem Gegeneinander geprägt ist. Das ist nicht leicht zu kopieren.

Es wird auch bei uns grosse Anstrengungen brauchen, das System zukunftstauglich zu halten. Die Digitalisierung revolutioniert die Wirtschaft und damit die Arbeitswelt. Denn ihre Werkzeuge sind auf allen Gebieten einsetzbar. Die vierte industrielle Revolution bringt deshalb mindestens so gewaltige Umwälzungen wie die erste, aber in viel kürzerer Zeit. Von diesem Tempo werden fast alle überfordert sein.

Für die Gesellschaft als Ganzes mag es beruhigend sein, dass der technische Fortschritt nicht nur Jobs überflüssig macht, sondern immer auch neue schafft, dass er die Arbeit leichter, weniger gefährlich und lukrativer macht. Das hilft aber jenen wenig, die ihren Job in Gefahr sehen.

Auf unser Bildungssystem bauen wir wesentlich unsere Hoffnungen, den Übergang in die digitale Zukunft zu schaffen. Die Arbeitnehmer sollen sich lebenslang weiterbilden, flexibel auf die neuen Anforderungen reagieren, Veränderungen begrüssen, statt abzulehnen. Das ist leicht gesagt. Nicht nur, weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Auch weil Flexibilität nicht immer belohnt wird und weil den Angestellten in manchen Unternehmen vor lauter Umstrukturierungen nicht mehr klar ist, wohin die Reise gehen soll. Erfolgversprechende Konzepte und Weiterbildungen, welche die Arbeitnehmer für den Wandel befähigen sollen, sind in den Unternehmen noch kaum vorhanden. Die Unternehmen stehen deshalb in der Verantwortung, entsprechende Angebote zu entwickeln.

Dem Schweizer Selbstbewusstsein tut es gut, den USA und der Welt unser Berufsbildungssystem zu demonstrieren. Unsere Energie sollten wir jedoch darauf verwenden, es noch besser zu machen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 23. Juli 2017

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Wenn der Faschismus als Antifaschismus daherkommt

Die Proteste gegen das Gipfeltreffen der G-20 sind in eine Zerstörungsorgie von ein paar Tausend Randalierern ausgeartet. Jetzt macht sich Hamburg ans Aufräumen. Nichts mobilisiert Globalisierungsgegner und Kapitalismuskritiker verlässlicher als solche Gipfel. Doch deren Verteufelung ist Unsinn. Hier tagt keine neue Weltregierung. Die Regierenden vertreten zwei Drittel der Weltbevölkerung, weit mehr als der UNO­Sicherheitsrat. Es macht Sinn, dass sie sich regelmässig treffen. Im persönlichen Kontakt lassen sich Spannungen leichter abbauen. So trug der erste Gipfel der G­20 im Jahr 2008 wesentlich zur Bewältigung der Finanzkrise bei.

Man kann sich fragen, ob es klug ist, solche Veranstaltungen in Hamburg durchzuführen. Wer sich an die Gewaltexzesse der Linksextremisten im Dezember 2013 erinnert, den konnte der erneute Gewaltausbruch nicht überraschen. Schon vor Monaten war beim Spaziergang durchs Schanzenviertel nicht zu übersehen, wie auf Plakaten und Fassaden Hass geschürt wurde.

Der Protest richte sich vor allem gegen Armut, Krieg und die Ursachen von Flucht, behaupteten die Organisatoren der Protestdemo. Wie verlogen das war, zeigte schon der Name ihrer Veranstaltung: «Welcome to Hell». Verwüstung, Plünderungen, brennende Autos, 213 verletzte Polizisten – die Randalierer haben Hamburgs Einwohnern tatsächlich die Hölle bereitet.

Man kann gegen Globalisierung sein und dagegen protestieren. Tausende wollten das in Hamburg friedlich tun. Sie wurden von den Randalierern als Tarnung und Vorwand missbraucht. Die friedlichen Demonstranten sollten sich dagegen wehren. Ihr Mitgefühl gehört den verletzten Polizisten. Die linken Sympathisanten, die Gewalt bagatellisieren, solange sie nur von der richtigen, der linken Seite, kommt, schaden ihrem politischen Anliegen.

Ein Rechtsanwalt und Sprecher der «Autonomen» bemängelte bloss, die Randalierer hätten ihre Zerstörungswut besser in Blankenese oder Pöseldorf, bei den Reichen eben, ausgelassen. Faschismus von links. Der Schwarze Block, ob in Hamburg oder Zürich, gleicht den Faschisten, die er angeblich bekämpft, nicht nur im farblichen Auftritt.

Auch in der Schweiz häufen sich Anschläge Linksextremer. Im letzten Jahr registrierte der Nachrichtendienst des Bundes 60 linksextreme und 2 rechtsextreme Gewalttaten.

Wenn der Faschismus wiederkomme, werde er als Antifaschismus daherkommen, soll der italienische Schriftsteller Ignazio Silone dem Schweizer Journalisten François Bondy prophezeit haben. Gegen Rechtsextremismus wehren sich Staat und Zivilgesellschaft bereits konsequent. Das Gleiche ist endlich auch gegen linksextreme Gewalt vonnöten.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 9. Juli 2017

Wie viele Menschen wurden bisher geboren?

Etwa 7,4 Milliarden Menschen leben heute auf der Erde. Dank besserer Hygiene, Ernährung und medizinischer Versorgung werden sie immer älter. Gegen 612 Millionen sind bereits über 65-jährig, mehr als doppelt so viele wie vor 30 Jahren. Weil gleichzeitig die Fruchtbarkeit weltweit abnimmt, altern die Gesellschaften überall. Die über 65-Jährigen machen 8,3 Prozent der Weltbevölkerung aus, in 20 Jahren werden es etwa 13 Prozent sein.

Eine stagnierende und alternde Bevölkerung wird Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig verändern. «Überalterung» ist deshalb ein heiss diskutiertes Thema. Seit Anfang Jahr tauchte der Begriff in der Schweizer Mediendatenbank 317-mal auf.

Mehr als die Hälfte aller Menschen, die überhaupt je das Alter von 65 erreicht haben, leben heute noch, schätzt der britische Autor Fred Pearce. Eine eindrückliche Zahl. Aber wie kommt man darauf? Wer weiss denn, wie viele Menschen bisher geboren wurden?

Vier Forscher um Miguel Sanchez-Romero liefern in einer neuen Studie Antworten. Von Anbeginn der Menschheit um etwa 50000 vor Christus bis 2010 wurden zwischen 77 und 113 Milliarden Menschen geboren – je nach Berechnungsmethode. Von diesen erreichten höchstens 9,5 Milliarden das heutige Rentenalter 65. Die noch lebenden über 65-Jährigen machen also höchstens um die zehn Prozent aller Menschen aus, die jemals so alt wurden. Aber bei weitem nicht die Hälfte, wie Fred Pearce behauptet. Ein so hoher Anteil sei weder theoretisch noch empirisch je erreichbar, stellen die Forscher fest.

Wir dürfen uns also ruhig weiter daran erfreuen, dass wir immer länger leben.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 23. Juli 2017

Wenn Männer lieber spielen, statt zu arbeiten

«Stecker raus» ist für Eltern der letzte Ausweg, wenn sie ihren Sohn vom Computerspiel wegbringen wollen. Die Spiele werden immer besser, bieten endlos Unterhaltung, und mit den Freunden ist man online verbunden.

Keiner muss mehr raus zum «Räuber und Poli» oder Fussballspielen. Jetzt haben vier US-Ökonomen gezeigt, dass Computerspiele keine Kinderspiele mehr sind. Im Jahr 2015 arbeitete ein durchschnittlicher amerikanischer Mann im Alter zwischen 21 und 30 Jahren 203 Stunden weniger als im Jahr 2000, stellen sie in einer neuen Studie fest. In keiner anderen Gruppe war der Rückgang der Arbeitszeit so stark, weder bei jungen Frauen noch bei älteren Männern. Die Erklärung: Die jungen Männer verbringen immer mehr Zeit mit Computerspielen. Und die zusätzliche Spielzeit geht auf Kosten der Arbeit.

Sie wohnen bequem und günstig im Hotel Mama, die Spiele bieten für relativ wenig Geld viele Stunden Spass. Für manche eine attraktive Alternative zu einem schlecht bezahlten Job als Burger-Brater oder Gestell-Auffüller.

Wie schlimm das ist? Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr: Ohne Arbeit fehlen den jungen Männern die Fertigkeiten und Kontakte, die ihnen später das berufliche Fortkommen und höhere Löhne ermöglichen. Sollte man vielleicht Computerspiele hoch besteuern, damit sich die Jungen Arbeit suchen müssen, um das neueste Spiel zu kaufen?

Die Studie ist interessant, aber für Alarmismus besteht kein Grund. Gemäss Umfragen scheinen die Jungen heute zufriedener als frühere Generationen. Die Kriminalitätsraten sinken. Und auch beim Computerspielen entstehen Freundschaften. Eltern stellen das spätestens dann fest, wenn die Online-Mitspieler des Sohnes plötzlich leibhaftig mit dem Fussball vor der Tür stehen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 9. Juli 2017