Flexibilität in der Arbeitswelt 4.0 ist keine Einbahnstrasse

Stolz twitterte Bundesrat Johann Schneider-Ammann diese Woche vom Treffen mit Ivanka Trump, der Tochter des US-Präsidenten. Die USA wollen eine Berufsbildung aufbauen, und die Schweiz sei «bereit, sie dabei zu unterstützen». Die kleine Schweiz hilft den USA beim «Make America Great Again». Ein gutes Gefühl.

Tatsächlich kann sich das Schweizer Bildungssystem sehen lassen. Vor allem die Berufslehre und die hohe Durchlässigkeit des Systems sind Errungenschaften, auf die wir stolz sein können. Trotzdem wird es nicht einfach sein, die Schweizer Lehre zum Exportschlager zu machen, wie sich das Schneider-Ammann wünscht. Ihr Erfolg beruht ganz wesentlich auf der engen Zusammenarbeit von Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Staat, die vom Miteinander und nicht von einem Gegeneinander geprägt ist. Das ist nicht leicht zu kopieren.

Es wird auch bei uns grosse Anstrengungen brauchen, das System zukunftstauglich zu halten. Die Digitalisierung revolutioniert die Wirtschaft und damit die Arbeitswelt. Denn ihre Werkzeuge sind auf allen Gebieten einsetzbar. Die vierte industrielle Revolution bringt deshalb mindestens so gewaltige Umwälzungen wie die erste, aber in viel kürzerer Zeit. Von diesem Tempo werden fast alle überfordert sein.

Für die Gesellschaft als Ganzes mag es beruhigend sein, dass der technische Fortschritt nicht nur Jobs überflüssig macht, sondern immer auch neue schafft, dass er die Arbeit leichter, weniger gefährlich und lukrativer macht. Das hilft aber jenen wenig, die ihren Job in Gefahr sehen.

Auf unser Bildungssystem bauen wir wesentlich unsere Hoffnungen, den Übergang in die digitale Zukunft zu schaffen. Die Arbeitnehmer sollen sich lebenslang weiterbilden, flexibel auf die neuen Anforderungen reagieren, Veränderungen begrüssen, statt abzulehnen. Das ist leicht gesagt. Nicht nur, weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Auch weil Flexibilität nicht immer belohnt wird und weil den Angestellten in manchen Unternehmen vor lauter Umstrukturierungen nicht mehr klar ist, wohin die Reise gehen soll. Erfolgversprechende Konzepte und Weiterbildungen, welche die Arbeitnehmer für den Wandel befähigen sollen, sind in den Unternehmen noch kaum vorhanden. Die Unternehmen stehen deshalb in der Verantwortung, entsprechende Angebote zu entwickeln.

Dem Schweizer Selbstbewusstsein tut es gut, den USA und der Welt unser Berufsbildungssystem zu demonstrieren. Unsere Energie sollten wir jedoch darauf verwenden, es noch besser zu machen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 23. Juli 2017

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