Entwicklung

Denn die Päpste wussten nicht, was sie taten

Funktionierende Institutionen sind ein entscheidender Faktor für den Wohlstand in Europa. Das haben wir zu einem guten Teil den Päpsten zu verdanken. Ab dem 6. Jahrhundert begannen sie, die Regeln gegen Heiraten unter Verwandten zu verschärfen, weit über das hinaus, was die Bibel verbietet. Im 11.Jahrhundert dehnten sie das Eheverbot bis auf Cousins sechsten Grades aus und setzten es rigoros durch. 1215 schränkten sie das Verbot auf Cousins dritten Grades ein. In Regionen, die nicht von der katholischen Kirche beherrscht waren, blieben Verwandtenheiraten dagegen weit verbreitet.

Das Verbot hatte ungeahnte Auswirkungen auf die Entwicklung Europas, wie Jonathan F. Schulz, Forscher an der Universität Harvard, in einer neuen Untersuchung zeigt. Das Eheverbot für Cousins zerstörte die bestehenden Clan-basierten Verwandtennetzwerke. Diese erschweren den Austausch mit Aussenstehenden; sie verhindern, dass sich Vertrauen und Zusammenarbeit über die Grenzen der Familie hinaus ausbreiten, sie fördern Vetternwirtschaft. Die Heiratsregeln der Kirche zwangen die Menschen, ihre Braut- und Bräutigamsuche stark auszudehnen und Beziehungen mit Fremden einzugehen. Das förderte den sozialen Zusammenhalt, betonte die individuellen Rechte und erleichterte die Bildung von Gemeinden, einer Zivilgesellschaft und schliesslich demokratischer Nationalstaaten.

Die Päpste hatten nicht nur selbstlose Gründe. Die Schwächung der adligen Grossfamilien erhöhte die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Linien aussterben und das Erbe an die Kirche fällt. Habgier ist eine Todsünde. Welch Ironie, dass sie über die Zeit solch positive Folgen zeitigte.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 18. November 2018

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Am Schluss gewinnt immer die Bürokratie

Nach einem Aufstand der Mitarbeiter wurde der Chefökonom der Weltbank diese Woche entmachtet. Paul Romer, erst acht Monate im Amt, bleibt zwar (noch) Chefökonom, aber er muss die Leitung der Abteilung für Entwicklungsökonomik abgeben, die die Armutsbekämpfung erforscht.

Weltbankpräsident Jim Yong Kim hatte mit der Berufung des angesehenen Romer Hoffnung auf eine Erneuerung der verknöcherten Organisation geweckt. Romer hatte seine Ökonomen aufgefordert, klarer und verständlicher zu schreiben, um den Lesern Zeit und Mühe zu sparen und mit ihren Studien mehr Wirkung zu erzielen. Er wies Arbeiten zurück, die keine klare Aussage enthielten, kritisierte die Arroganz der Forscher und schaffte nicht mehr benötigte Stellen ab. (Hier sein eigener Blog und hier sein Weltbank-Blog)

Wer regelmässig Weltbank­berichte liest, muss ihm ­dankbar sein. Eine Studie von Sprachforschern ergab, dass die Ökonomen des Instituts in ihren Arbeiten eine eigene Sprache ent­wickelt haben: «Bankspeak». Es wimmelt darin von Programmen, Strategien und anderen abstrakten Begriffen. Auffällig ist der extrem häufige Gebrauch des Wörtchens «und». Es ist das häufigste Wort in Weltbank-Texten, noch vor «the», das in englischen Texten klar an der Spitze steht. Die Autoren zählen damit möglichst vieles auf, was nicht zusammengehört, aber klug klingen soll. Romer kritisiert, die Autoren versuchten auf diese Weise, es allen recht zu machen und die Widerlegbarkeit ihrer Aussagen zu erschweren.

Er war zur Weltbank gegangen, weil er glaubte, dort mit Forschung mehr Wirkung erzielen zu können als anderswo. Das war ein Irrtum. Eine grosse Bürokratie hat andere Prioritäten: ja niemanden verärgern und nie so deutlich werden, dass sich jemand beschweren könnte.

Am Schluss gewinnt immer die Bürokratie. William Easterly, ein anderer bekannter Entwicklungsökonom und früherer Weltbank-Forscher, hat schon vor 14 Jahren festgehalten: «Die Weltbank ermutigt Störenfriede wie mich, sich einen anderen Job zu suchen.»

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 28. Mai 2017

Sweatshops: Unbeliebte Fabrikjobs für Afrika

Sweatshops sind schlecht. Multinationale Konzerne, die in Entwicklungsländern Kleider, Schuhe und vieles mehr produzieren lassen, verhelfen den Menschen nicht aus der Armut, sondern sie beuten sie mit Tiefstlöhnen und schlechten Arbeitsbedingungen nur aus. So sehen das globalisierungskritische Organisationen.

Sweatshops sind gut. Die Löhne in diesen Fabriken liegen meist über dem Landesdurchschnitt. Das zusätzliche Jobangebot erhöht den Lebensstandard und fördert die Entwicklung des Landes. Ökonomen wie Paul Krugman argumentieren deshalb, arme Länder bräuchten nicht weniger, sondern mehr Sweatshops.

Der Streit ist alt. In einer soeben veröffentlichten Studie wählten die Ökonomen Chris Blattmann von der Universität Chicago und Stefan Dercon von Oxford einen neuen Weg, um die Frage zu klären, was solche Jobs den betroffenen Arbeiterinnen bringen. In einem Experiment mit fünf Unternehmen in Äthiopien stellten sie zufällig ausgewählte Arbeiter ein und untersuchten die Wirkungen auf deren Einkommen und Gesundheit. Eine zweite Gruppe erhielt ein kleines Startkapital und einen fünftägigen Jungunternehmerkurs. Eine dritte Kontrollgruppe erhielt nichts.

Das Resultat nach einem Jahr: Die Leute mochten die Fabrikarbeit nicht und sprangen ab, sobald sie konnten. Ihre Gesundheit litt spürbar, vor allem wegen Chemikalien und Rauch. Die Fabrikjobs erhöhten das Einkommen gegenüber der Kontrollgruppe kaum, die Starthilfe zur Selbstständigkeit dagegen stark. Nur die Schlechtestqualifizierten, die keine Alternative hatten, erhielten in der Fabrik höhere Löhne.

Globalisierung ist nicht einfach gut oder schlecht. Obwohl für die Mehrheit der Arbeiter unattraktiv, brauche Afrika nicht weniger Sweatshops, folgern die Forscher. Aber man müsse ernsthafter über gesundheitliche Regulierung nachdenken.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 2. Oktober 2016