Digitalisierung

Die Rekordbusse gegen Google ist bloss Symbolpolitik

Der Entscheid der EU-Wettbewerbskommission wird als Schlag gegen den Internetgiganten gefeiert, dabei bringt er weder mehr Wettbewerb noch nützt er den Konsumenten.

Die EU hat Google zu einer Rekordbusse von 4,3 Milliarden Euro verurteilt. Der Internetgigant missbrauche mit Android seine Marktmacht bei Betriebssystemen für Smartphones. Margrethe Vestager, die EU-Wettbewerbskommissarin, wird gefeiert: Die mutige Dänin habe dem US-Riesen einen schweren Schlag versetzt.

Heldengeschichten kommen immer gut an. Die Realität beeindruckt weniger. Die Busse entspricht gerade mal 4 Prozent von Googles liquiden Mitteln, die Aktie hat denn auch bloss 1 Prozent verloren. Die Busse ist einfach eine zusätzliche Steuer, am Wettbewerb ändert sie nichts.

Die Gerätehersteller können Android gratis nutzen und ihre Systeme darauf aufbauen. Der Smartphone-Besitzer kann deren Konkurrenz-Apps als Standard festlegen, wenn er es wünscht. Das geht bei Apples iPhone nicht. Aber die EU definiert den Markt so eng, dass Apples iOS kein Konkurrent von Android ist. Der Konsument weiss es besser, er hat die Wahl.

Google muss sich mit Geräteherstellern und App-Entwicklern arrangieren, damit Androidgeräte gegen das iPhone bestehen können. Die EU scheint anzunehmen, Google könne weiter in Android investieren und Trittbrettfahrer zulassen. Das tut kein Unternehmen. Die Alternativen wären, die Gerätehersteller für Android bezahlen zu lassen, zu einem geschlossenen System wie bei Apple zu wechseln oder nicht mehr in Android zu investieren. Aber das würde Konsumenten, Geräteherstellern und App-Entwicklern nichts bringen – ausser höheren Kosten.

Die Milliardenbusse ist bloss Symbolpolitik. Sie tut Google nicht wirklich weh, lässt Europa stark erscheinen und erhöht Vestagers Chance auf die Nachfolge Jean-Claude Junckers als Präsidentin der Europäischen Kommission. Aber sie trägt nicht zu mehr Wettbewerb bei – und den Konsumenten hilft sie schon gar nicht.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 22. Juli 2018

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Wie der Handel im Internet die Preise drückt

Die Verschwörungstheorie ist nicht totzukriegen: Die Behörden manipulieren den Konsumentenpreisindex, sodass die offizielle Teuerung die wahre Inflation immer unterschätzt. Bis in die frühen 1990er-Jahre waren in der Schweiz Inflationsraten von vier und mehr Prozent üblich. In den letzten zehn Jahren lag die Teuerung dagegen mehrheitlich sogar unter null, die Preise sanken also.

Mit einer Verschwörung hat das nichts zu tun. Billigere und leistungsfähigere neue Produkte kamen auf den Markt, der starke Franken verbilligte die Importe, mehr Wettbewerb verhinderte, dass die Anbieter ihre Preise erhöhen konnten. Das Internet trägt seinen Teil dazu bei. Neue Anbieter können damit einfacher in einen Markt eintreten. Sie haben tiefere Kosten, weil sie auf Ladengeschäfte an teuren Standorten verzichten können. Die Konsumenten können online sehr viel leichter die Preise vergleichen, der günstigere Anbieter ist stets nur einen Klick entfernt. Das erschwert Preiserhöhungen und bevorteilt Billiganbieter.

Eine neue Untersuchung der Ökonomen Austan Goolsbee (Chicago) und Peter Klenow (Stanford) zeigt nun, wie stark das Internet die Preise beeinflusst. Und sie liefert einen Beleg dafür, dass die offizielle Statistik die Inflation nicht unter-, sondern deutlich überschätzt. Die Forscher werteten Preise und Mengen von monatlich über zwei Millionen Onlinekäufen in den USA zwischen 2014 und 2017 aus. Bei den Onlineartikeln – vor allem Lebensmittel, Getränke, Haushaltsartikel, Spielwaren, Elektronik, Möbel und Kleider – lag die Inflation 1,3 Prozent niedriger, verglichen mit der offiziell ausgewiesenen Teuerung in den gleichen Produktkategorien, die über Käufe in stationären Läden gemessen wird.

Die Forscher stellten auch fest, dass neue oder modernisierte Produkte im Internet in sehr hohem Rhythmus auf den Markt kommen. 44 Prozent der beobachteten Onlineprodukte waren im Vorjahr noch nicht auf dem Markt gewesen. Und zwar ohne Berücksichtigung der Kleider, bei denen die Produkterneuerung entsprechend den modischen Trends häufiger erfolgt. Auf der anderen Seite verschwanden aber auch mehr als 20 Prozent der Produkte von einem aufs nächste Jahr aus den Onlineshops.

Das rasche Auftauchen von neuen, verbesserten Produkten hat zur Folge, dass die wahre Teuerung noch zusätzlich überschätzt wird. Bereinigt um die neuen Produkte liegt die Onlineinflation mehr als 3 Prozent tiefer als die offizielle Teuerung.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 15. Juli 2018

Flexibilität in der Arbeitswelt 4.0 ist keine Einbahnstrasse

Stolz twitterte Bundesrat Johann Schneider-Ammann diese Woche vom Treffen mit Ivanka Trump, der Tochter des US-Präsidenten. Die USA wollen eine Berufsbildung aufbauen, und die Schweiz sei «bereit, sie dabei zu unterstützen». Die kleine Schweiz hilft den USA beim «Make America Great Again». Ein gutes Gefühl.

Tatsächlich kann sich das Schweizer Bildungssystem sehen lassen. Vor allem die Berufslehre und die hohe Durchlässigkeit des Systems sind Errungenschaften, auf die wir stolz sein können. Trotzdem wird es nicht einfach sein, die Schweizer Lehre zum Exportschlager zu machen, wie sich das Schneider-Ammann wünscht. Ihr Erfolg beruht ganz wesentlich auf der engen Zusammenarbeit von Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Staat, die vom Miteinander und nicht von einem Gegeneinander geprägt ist. Das ist nicht leicht zu kopieren.

Es wird auch bei uns grosse Anstrengungen brauchen, das System zukunftstauglich zu halten. Die Digitalisierung revolutioniert die Wirtschaft und damit die Arbeitswelt. Denn ihre Werkzeuge sind auf allen Gebieten einsetzbar. Die vierte industrielle Revolution bringt deshalb mindestens so gewaltige Umwälzungen wie die erste, aber in viel kürzerer Zeit. Von diesem Tempo werden fast alle überfordert sein.

Für die Gesellschaft als Ganzes mag es beruhigend sein, dass der technische Fortschritt nicht nur Jobs überflüssig macht, sondern immer auch neue schafft, dass er die Arbeit leichter, weniger gefährlich und lukrativer macht. Das hilft aber jenen wenig, die ihren Job in Gefahr sehen.

Auf unser Bildungssystem bauen wir wesentlich unsere Hoffnungen, den Übergang in die digitale Zukunft zu schaffen. Die Arbeitnehmer sollen sich lebenslang weiterbilden, flexibel auf die neuen Anforderungen reagieren, Veränderungen begrüssen, statt abzulehnen. Das ist leicht gesagt. Nicht nur, weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Auch weil Flexibilität nicht immer belohnt wird und weil den Angestellten in manchen Unternehmen vor lauter Umstrukturierungen nicht mehr klar ist, wohin die Reise gehen soll. Erfolgversprechende Konzepte und Weiterbildungen, welche die Arbeitnehmer für den Wandel befähigen sollen, sind in den Unternehmen noch kaum vorhanden. Die Unternehmen stehen deshalb in der Verantwortung, entsprechende Angebote zu entwickeln.

Dem Schweizer Selbstbewusstsein tut es gut, den USA und der Welt unser Berufsbildungssystem zu demonstrieren. Unsere Energie sollten wir jedoch darauf verwenden, es noch besser zu machen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 23. Juli 2017

Monster stossen ein Fenster zur Zukunft auf

25.7.2016 / Armin Müller

Es ist ein phänomenaler Erfolg. «Pokémon Go» bricht alle Rekorde. Nie wurde eine Handy-App in der ersten Woche so häufig heruntergeladen wie das neuste Spiel von Nintendo. Durchschnittlich 33 Minuten täglich jagen die Spieler den niedlichen Monstern hinterher. Das ist mehr Zeit, als die Handynutzer mit Whatsapp, Facebook, Snapchat oder Twitter verbringen. Experten schätzen die Einnahmen aus dem Spiel auf etwa 25 Rappen pro Tag pro aktiven Spieler. Die Monster schlagen alles bisher Dagewesene. Seine Bedeutung geht jedoch weit über das Spiel hinaus. Wir werden in den nächsten Jahren eine Welle von Apps sehen, die unser Leben mit erweiterter Realität anreichern. Die von der Handykamera aufgenommene Umgebung wird bald nicht nur von Pikachu, Mauzi und anderen Fantasiefiguren bevölkert sein, sondern von Menschen und Objekten.

Ein Feuerwehrmann wird im brennenden Gebäude nicht nur Mauern, Feuer und Rauch sehen, sondern den Gebäudeplan, zu rettende Opfer, die herrschenden Temperaturen und mögliche Fluchtwege. Virtuelle Plakate und Verkehrsschilder werden uns den Weg weisen. In Tokio werden wir die japanische Speisekarte via Handykamera auf Deutsch lesen können. Der Monteur vor Ort wird sich die nächsten Arbeitsschritte ins Sichtfeld einblenden lassen, der Arzt die Informationen aus Tomografen und Ultraschallgeräten. Historische Persönlichkeiten werden uns durchs Museum führen.

Die Technik der erweiterten Realität ist nicht neu. Aber erst «Pokémon Go» macht sie für Millionen frei zugänglich und nutzbar. Das hat etwa Google Glass nicht geschafft. Das Spiel öffnet damit ein Fenster in die Zukunft. Man wird sich später einmal daran erinnern, weil es für die allermeisten Nutzer das erste Mal war, dass sich die reale Welt einleuchtend mit der virtuellen vermischte.

«Pokémon Go» ist nur ein Spiel, und der Hype mag vielleicht schnell wieder vorbei sein. Aber die Technologie dahinter wird unsere Wahrnehmung der Welt verändern.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Sonntagszeitung vom 24. Juli 2016

Mit Köpfchen gegen Hacker

10.7.2016 / Armin Müller

«Wir stehen unter Angriff», sagte Generalstabsoberst Gérald Vernez kürzlich einem Reporter dieser Zeitung. Der für die Cyber-Kriegsführung der Armee Verantwortliche sieht grosse Gefahren in der Cyberkriminalität auf uns zukommen. Er plädiert deshalb dafür, dass Cyberspezialisten des Bundes zum Gegenangriff übergehen. Die Verfolgung von meist aus dem Ausland agierenden Internetkriminellen ist extrem schwierig. Nun erhält Vernez Sukkurs aus der Wissenschaft.

Passwörter, Benutzernamen, Kreditkartendaten oder Sozialversicherungsnummern verkaufen die Hacker üblicherweise auf Untergrund-Onlineplattformen an andere Kriminelle weiter. Die Käufer nutzen die gestohlenen Daten für Einkäufe, Geldüberweisungen und Erpressungen. Dass sich das lohnt, zeigen Untersuchungen von Thomas Holt, ausserordentlicher Professor für Strafjustiz an der Michigan State University. In 320 untersuchten Transaktionen kassierten die Verkäufer zwischen 1 und 2 Millionen Dollar. In 141 davon ergaunerten sich die Käufer mit den Daten zwischen 1,7 und 3,4 Millionen Dollar, wie Holt auf der Wissenschaftsplattform «The Conversation» ausführt. Kein Wunder, häufen sich Hackerangriffe weltweit.

Die Marktplätze für Cyberkriminelle funktionieren ähnlich wie Amazon oder Ebay. Nach Abschluss des Geschäfts bewerten sich die Parteien gegenseitig. So vermindern sie das Risiko, hereingelegt zu werden. Zur Polizei gehen können sie schliesslich nicht. Weil die traditionelle Strafverfolgung bei Hackern rasch an Grenzen stösst, empfiehlt Holt, die Gauner mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Käufer und Verkäufer sollten mit falschen positiven und negativen Bewertungen überflutet werden, sodass sie nicht mehr wissen, wem sie trauen können.

Generalstabsoberst Vernez, übernehmen Sie!

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 10. Juli 2016