Migration

Die Zuwanderung bleibt eine politische Frage

Letzte Woche hat der Ständerat über die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative gestritten, nächste Woche packt der Nationalrat das umstrittene Dossier an. Eine Studie des Amts für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich sorgt nun für Aufregung. Sie ermittelt einen Indikator für den Fachkräftemangel in 97 verschiedenen Berufen und stellt fest, dass viele der seit 2007 zugewanderten Erwerbstätigen gar nicht in Berufen arbeiten, in denen Mangel herrscht. Nur jeder Fünfte habe eine solche Mangelstelle inne. «Vier von fünf Zuzügern sind keine Fachkräfte», titelte die «NZZ am Sonntag» gar.

War die Zuwanderung der letzten Jahre also fehlgeleitet? Doch diese Aussagen lassen sich aus der Studie nicht ableiten, wie eine genauere Betrachtung zeigt. Denn die verwendete Methode hat grobe Schwächen. Das fängt damit an, dass nicht die Entwicklung des Fachkräftemangels analysiert, sondern lediglich eine Momentaufnahme für das Jahr 2014 erstellt wurde. Das führt zu einem paradoxen Ergebnis: Wenn die Zuwanderung in die richtigen Bereiche erfolgte, dann wurde der Fachkräftemangel dort reduziert. Die Feststellung der Studie, dass 2014 kein Mangel vorliegt, wäre dann eine Erfolgsmeldung: Die Zuwanderung hätte genau das gebracht, was man von ihr erhoffte. Dass die Arbeitslosigkeit trotz angeblicher Fehlleitung der Zuwanderung nicht stark gestiegen ist, stützt dieses Argument, wie der Arbeitsmarktforscher George Sheldon von der Universität Basel feststellt.

Ein grundsätzliches Problem ortet Sheldon in der Unterteilung des Arbeitsmarkts in 97 berufliche Teilmärkte. Denn Personen mit einer bestimmten Qualifikation können in vielen verschiedenen Berufen tätig sein, und umgekehrt wird eine bestimmte Tätigkeit von vielen unterschiedlich ausgebildeten Personen ausgeübt. So arbeitet ein grosser Teil der Lehrabsolventen nicht mehr im erlernten Beruf, und die meisten IT-Spezialisten haben keinen IT-Abschluss. Vergleicht man also Stellenausschreibungen und Stellensuchende mit den gleichen Berufsbezeichnungen, sagt das wenig über die wahren Knappheitsverhältnisse aus. Sehr viele Arbeitskräfte sind in mehr als einer einzigen der 97 Berufskategorien einsetzbar.

Ein weiteres Problem der Studie ist die willkürliche Grenzziehung zwischen Berufen mit und ohne Fachkräftemangel, auf die bereits die «Handelszeitung» hingewiesen hat. Die Studie bezeichnet die 15 Berufe mit dem grössten Indikatorwert als «Mangelberufe». So soll bei den Holzbearbeitern und Möbeltischlern Fachkräftemangel herrschen, aber nicht bei den «material- und ingenieurtechnischen Fachkräften», obwohl der Indikatorwert sich nur um einen Hundertstel-Punkt unterscheidet. Da führen Scheingenauigkeit und Zufall Regie.

Die Zürcher Studie will Hilfestellung geben für eine bessere Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. Leider trägt sie zu zusätzlicher Verwirrung bei. Wir werden das Problem nicht mit ökonomischen Studien aus der Welt schaffen. Es bleibt eine politische Frage, die nach einer politischen Antwort verlangt Wie viel Zuwanderung wollen wir? Mit dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative hat das Stimmvolk eine erste Antwort gegeben. Nach dem Ständeratsbeschluss vom Donnerstag will das Parlament nun definitiv keine Kontingente und Höchstzahlen, wie es die Initiative verlangt. Die Stimmbürger werden entscheiden müssen, ob ihnen das genügt.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 4. Dezember 2016

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Wenn Geld und Ideen auswandern

4.4.2016 / Armin Müller

Frankreich steht auf Rang 1, gefolgt von China, Italien, Indien, Griechenland und Russland: Welche Rangliste könnte solch ein Resultat liefern?

Es sind die Länder, die im letzten Jahr am meisten Millionäre verloren haben. 2015 sind rund 10 000 Millionäre mehr aus Frankreich weg- als zugezogen. China verlor per Saldo 9000 und Italien rund 6000 Millionäre. Den stärksten Netto-Zustrom verzeichneten dagegen Australien, die USA, Kanada und Israel. Das berichtet das südafrikanische Beratungsunternehmen New World Wealth. Die Firma befragt Reiche zu deren Domizil, interviewt Migrationsexperten und wertet Visa-Statistiken aus, um die internationale Migration von sehr Vermögenden nachzuverfolgen.

Frankreich führt die Rangliste seit Jahren an, sein Spitzenplatz kommt nicht von ungefähr. Dabei spielt der Spitzensteuersatz von 75 Prozent, den die sozialistische Regierung von François Hollande 2013 einführte, gar nicht mal die grösste Rolle. Es sind der Mangel an Möglichkeiten und Chancen, der wirtschaftliche Niedergang und die zunehmenden politischen oder religiösen Spannungen, welche die Leute vertreiben.

Am grössten ist die Perspektivlosigkeit bei den Jungen. Im Gegensatz zu den Reichen können sie nicht einfach wegziehen. Aber auf die Frage, ob sie Frankreich verlassen würden, wenn sie könnten, antwortete 2013 die Hälfte der 18- bis 34-Jährigen mit «Oui».

Es sind wohl nicht die Gleichen, die am Donnerstag in vielen französischen Städten auf die Strasse gingen, um gegen die geplante Arbeitsmarktreform der Regierung zu protestieren. Die Gewerkschaften bestreiken Bahnen, Flughäfen, Schulen, Universitäten, Krankenhäuser und Medienunternehmen. Von den Reformen dürfte am Schluss nicht viel übrig bleiben.

Mit den Jungen und dem Kapital gehen aber auch Ideen und Unternehmertum, die Frankreich dringend braucht. Der Auszug der Millionäre hilft den Sozialisten zwar in ihrem zentralen Kampf gegen die Ungleichheit, denn weniger Reiche bedeuten statistisch mehr Gleichheit. Nur den übrigen Franzosen geht es deswegen keinen Deut besser.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 3. April 2016