Monat: Oktober 2017

Bio ist besser – jedenfalls in der Werbung

Die Volksinitiative «Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung» will dafür sorgen, dass nur noch Bauernbetriebe Direktzahlungen erhalten, die ohne Pestizide produzieren. Der Präsident von Bio Suisse und die Bio-Anhänger freuten sich – wohl zu früh. Denn die Initiative verlangt eine pestizidfreie Produktion und trifft damit auch Wirkstoffe wie Kupfer oder Pyrethrum, die im Biolandbau eingesetzt werden, weil sie angeblich «natürlich» sind.

Die Unterscheidung zwischen «bösen» chemisch-synthetischen und «guten» natürlichen Wirkstoffen beruht auf einem weitverbreiteten Irrglauben. Der Unterschied existiert nur in der Werbung für Bioprodukte und Naturheilmittel, aber nicht in der Realität. Es gibt nicht Chemie, die separat von der Natur existiert. Alles Natürliche ist gleichzeitig chemisch. Zutaten aus «100 Prozent natürlicher Herkunft» sind nichts anderes als 100 Prozent Chemie, auch wenn sie nicht synthetisch, sondern aus der Natur gewonnen wurden.

Ist Bio wirklich besser für die Umwelt? Die Onlinepublikation «Our World in Data» hat kürzlich eine Übersicht über den Stand der Forschung im Streit zwischen Biound konventionellem Landbau veröffentlicht. Das Resultat widerspricht der herrschenden Meinung: Es kommt darauf an, was man wo anbaut, und Bio schneidet betreffend Umweltwirkung eher schlechter ab. Bio braucht in der Regel mehr Land, während die konventionelle Landwirtschaft mehr Energie braucht. Ausnahme: Im Gemüsebau ist Bio oft energieintensiver. Auch das Potenzial für Versauerung und Überdüngung von Gewässern ist im Biolandbau tendenziell höher.

Wem der Klimawandel am Herzen liegt, sollte eher Früchte und Hülsenfrüchte aus Bioproduktion, aber eher Getreide, Gemüse und tierische Produkte wie Milch, Eier oder Fleisch aus konventionellem Anbau kaufen.

Wer seine Ernährung auf eine möglichst geringe Umweltschädigung ausrichten will, sollte vor allem mehr darauf achten, was er isst, und weniger, wie es produziert wurde.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 29. Oktober 2017

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Was rasch Abhilfe verspricht, führt auch schnell in die Sucht

US-Präsident Donald Trump hat am Donnerstag den nationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen. Die USA kämpfen seit einigen Jahren mit einem starken Anstieg der Drogentoten. ­Millionen Amerikaner sind süchtig nach Schmerzmitteln oder Heroin, sogenannten Opioiden. Das sind Varianten des Morphiums, neben Heroin vor allem Schmerzmittel wie Tramadol, Fentanyl oder Methadon.

Viele Abhängige sind über verschreibungspflichtige Schmerzmittel in die Sucht gerutscht. Seit den 90er-Jahren wurden die Medikamente relativ locker verschrieben. Täglich sterben in den USA im Schnitt 91 Menschen an einer ­Opioid-Überdosis. Es handle sich um «die schlimmste Drogenkrise in der amerikanischen Geschichte», sagte Trump am Donnerstag. Wie die Krise zu bekämpfen ist, scheint aber unklar. Auf Erfolge im enorm teuren und aufwendigen amerikanischen «Krieg gegen ­Drogen» wartet man seit Jahrzehnten vergeblich.

So weit sind wir in der Schweiz glücklicherweise nicht. Mediziner warnen jedoch auch hierzulande vor einem wachsenden Problem im Zusammenhang mit Drogen und Medikamenten.

Noch vor wenigen Jahren sorgten Jugendliche für Aufsehen, die sich zu Trinkgelagen versammelten. Die Jugend schien zu Binge-Trinkern zu werden, Politiker forderten Massnahmen. Jetzt stellen Statistiker und die Bier-, Wein- und Schnapsverkäufer fest, dass die Jungen weniger trinken als frühere Generationen (SonntagsZeitung). Verantwortlich soll das wachsende Gesundheitsbewusstsein sein. Sich zu betrinken, ist nicht mehr cool.

Dafür wächst der Medikamentenmissbrauch. Für jedes Problem scheint es heute ein Mittelchen zu geben, das rasche Abhilfe verspricht und relativ leicht zu kriegen ist. Dass es sich oft nur um Symptombekämpfung handelt, ist vielen zu wenig bewusst. Wie schnell aus einem Medikamentenkonsum eine Sucht werden kann, ebenfalls.

Gemäss Professor Thomas Krämer, Vize­direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Zürich, konsumieren heute bereits rund zwei Millionen Schweizer starke Schmerzmittel, Schlaf- oder Beruhigungsmittel sowie Aufputschmittel wie Ritalin (SonntagsZeitung). Der Anstieg bei den Führerausweisentzügen nach Drogen- oder Medikamentenkonsum – sie haben letztes Jahr ein neues Rekordniveau erreicht – kann deshalb nicht wirklich überraschen. Eine eingeschränkte Fahrtauglichkeit fällt bei Medikamenten weniger auf als bei Alkohol. Nicht nur, weil man die Fahne nicht riecht.

Vielleicht wird es doch langsam Zeit, dass die selbstfahrenden Autos nicht nur zu reden geben, sondern auch zum Einsatz kommen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 29. Oktober 2017

SP und Juso gegen die Realität

Die Sozialdemokratische Partei unterstützt die 99%-Initiative der Juso. Das hat die Delegiertenversammlung gestern in Olten mit 138 Ja- zu 17 Nein-Stimmen entschieden. Die Initiative fordert, Erträge aus Kapital anderthalbmal so stark wie Arbeitseinkommen zu besteuern. Begründet wird das mit zunehmender Ungleichheit, die Reichen würden reicher und die Armen immer ärmer.

Dabei lässt sich die Partei, die immer noch den Kapitalismus überwinden will, ihre ideologische Sicht durch die Realität nicht trüben. Denn abgesehen davon, dass es ohne Ersparnisse keine Investitionen und damit auch keine steigenden Löhne geben kann und dass wirtschaftlich erfolgreiche Länder wie Norwegen, Schweden, Dänemark, Deutschland oder die Niederlande mit guten Gründen Kapitaleinkommen tiefer als Arbeitseinkommen besteuern: Die Behauptung der Juso-Initiative ist schlicht falsch.

Betreffend Einkommens- und Vermögensverteilung ist die Schweiz seit 80 Jahren geradezu ein Hort der Stabilität. Unter vergleichbaren entwickelten Ländern ist das Lohngefälle nirgends so gering. Gemessen an den Konsumausgaben hat sich der tatsächlich realisierte Lebensstandard seit 2006 «primär bei den Einkommensschwächeren» erhöht, stellte das Bundesamt für Statistik vor einem Monat fest.

Die Lohnquote, der Anteil der Löhne am Bruttoinlandprodukt (BIP), ist mit 59,4 Prozent auf den höchsten Stand seit 1990 gestiegen. Entsprechend ist der Anteil der Unternehmensgewinne vor allem als Folge des Frankenschocks auf den tiefsten Wert seit 1990 gefallen. SP und Gewerkschaften argumentieren, man dürfe die Lohnquote nicht am BIP messen, sondern am Volkseinkommen. Das ändert jedoch nichts am Ergebnis: Der Anteil der Löhne war nur einmal, 2008, höher als heute.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 15. Oktober 2017

Irgendwo auf der Welt sind fast immer Schweizer in Schwierigkeiten

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Aber manchmal geht etwas schief, und dann haben alle anderen was zu erzählen. 2011 bewegte die Entführung eines Polizisten-Paares aus Bern, das im VW-Bus durch das wilde Belutschistan fuhr – gegen die  Warnungen vor dieser berüchtigten Provinz in Pakistan. Die Empörung über die Abenteurer schlug damals hoch, der Fall hatte politische Folgen. Seit zwei Jahren ist das «Bundesgesetz über Schweizer und Institutionen im Ausland» in Kraft. Wer sich fahrlässig verhält, muss sich als Verursacher von staatlichen Rettungs- und Hilfsaktionen an den Kosten beteiligen. Das macht Sinn.

Die Zahl der Schweizer, die im Ausland für Zwischenfälle sorgen und staatliche Hilfsaktionen auslösen, steigt ständig. Im laufenden Jahr mussten die Spezialisten im Aussendepartement schon 649 neue Dossiers eröffnen – im Schnitt mehr als zwei pro Tag. Vor zehn Jahren waren es im ganzen Jahr erst 463 gewesen.

Das hat auch mit unserer Reisefreudigkeit zu tun: Mehr als zehn Millionen Auslandsreisen unternehmen die Schweizer jedes Jahr. Irgendwo auf der Welt sind fast immer Schweizer in Schwierigkeiten. Manche unverschuldet, manche fahrlässig.

Hilfe brauchen derzeit die Basler Missionarin Beatrice Stöckli und die 71-jährige Entwicklungshelferin Margrit Schenkel, die in Mali beziehungsweise Darfur entführt wurden.

Viele Kommentatoren in den Onlineforen sind gerade bei Entführungsfällen gnadenlos in ihrem Urteil: «Selber schuld», «Null Mitleid», «Lassen wir sie doch, wo sie sind, und vergessen sie.» Aber Fälle von Grobfahrlässigkeit sind extrem selten. Viel öfter geht es um Pleiten, Pech und Pannen, um Unvorsichtigkeit und ja, manchmal um Dummheiten. Vielerorts genügt auch eine falsche Anschuldigung, um einen für längere Zeit hinter Gitter zu bringen.

«Selber schuld» ist kein hinreichender Grund, Menschen im Stich zu lassen. Unsere Hilfe brauchen ohnehin nicht jene, die nie Fehler machen. Sondern wir fehleranfälligen Durchschnittsmenschen. Dass wir uns dann nach Möglichkeit an den Kosten beteiligen, ist nur fair.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 15. Oktober 2017

Selber vorsorgen, sonst kommen die Kesb!

Haben Sie schon einen Vorsorgeauftrag geschrieben und eine Patientenverfügung ausgefüllt? Wahrscheinlich eher nicht: Gemäss einer Umfrage von Pro Senectute hat erst jeder Fünfte eine Patientenverfügung und gar nur jeder Zehnte einen Vorsorgeauftrag erstellt.

Das überrascht mich nicht. Ich habs ja bis jetzt auch nicht getan. Ich weiss natürlich, dass ich das tun müsste. So werde ich seit längerem regelmässig daran erinnert. Eine sehr praktische App, eine To-do-Liste mit Erinnerungsfunktion, schickt mir nämlich allmonatlich eine Liste von Aufgaben ohne Fälligkeitsdatum, die ich mir zu erledigen vorgenommen habe. Darunter unter anderem: «Testament, Patientenverfügung machen». Die App ist wirklich sehr praktisch, und so ist es auch ein Leichtes, die Aufgabe zu verschieben. Ein Wisch genügt, und einen Monat später poppt die Erinnerung wieder auf.

Wir beschäftigen uns lieber mit den angenehmeren Seiten des Lebens als mit Krankheit und Tod. Nichts widerstrebt uns innerlich mehr, deshalb verdrängen wir es nur allzu gern.

Aber es ist zweifellos besser, Dinge zu regeln, solange man dazu noch in der Lage ist. Sonst bestimmen im Notfall nicht unsere Liebsten über uns, sondern die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb). Zwar sollte das neue Erwachsenenschutzgesetz das Selbstbestimmungsrecht von Patienten stärken und der staatlichen Einflussnahme Grenzen setzen. Aber das Gesetz gibt den Kesb viel Macht über uns. Dass nur jeder Zehnte einen Vorsorgeauftrag hat, hängt auch mit den hohen Anforderungen zusammen. Man muss ihn wie ein Testament selber vollständig von Hand schreiben oder bei einem Notar beurkunden lassen. Und selbst dann können sich die Kesb darüber hinwegsetzen: Gemäss Gesetz prüfen sie, ob «die beauftragte Person für ihre Aufgaben geeignet ist und weitere Massnahmen des Erwachsenenschutzes erforderlich sind».

Die Behörde weiss offenbar besser als ich selbst, was für mich gut ist und wem ich mich anvertrauen will.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 1. Oktober 2017

Nivea in die Augen geschmiert

Die Volksinitiative «Stopp der Hochpreisinsel – für faire Preise» kommt zustande, wie der «Tages-Anzeiger» am Donnerstag vermeldete. Die Initiative will «missbräuchliche Schweiz-Zuschläge» für im Ausland hergestellte Produkte unterbinden und so für günstigere Preise sorgen. Das klingt gut. Im Visier haben die Konsumentenschützer, Wirte und Gewerbler vor allem ausländische Markenhersteller wie Beiersdorf, die Nivea hierzulande teurer verkauft als in Deutschland. Die Initiative will sie zwingen, zum tieferen ausländischen Preis in die Schweiz zu liefern.

Was auffällt: Die Initianten konzentrieren sich damit ausgerechnet auf die Bereiche, die den geringsten Preisunterschied zum Ausland aufweisen. Dauerhafte Konsumgüter sind nur 2 Prozent teurer als im Durchschnitt der Euroländer, Bekleidung und Schuhe ebenso wie Maschinen und Geräte 11 Prozent, alle Konsumgüter 20 Prozent. Im Haushaltsbudget der Konsumenten machen diese Ausgaben immer weniger aus, weil die Preise seit Jahren stagnieren oder sinken. Zudem findet der Konsument Dutzende von Konkurrenzprodukten zu Nivea.

Unberührt von der Initiative bleiben dagegen ausgerechnet jene Bereiche, die das Haushaltsbudget am stärksten belasten, wo die Preise dauernd steigen und wo sie extrem viel höher sind als im Euroland: Lebensmittel (51 Prozent), Fleisch (105 Prozent), staatliche Dienstleistungen (81 Prozent), Wohnen (66 Prozent), Gesundheit (78 Prozent), Spitäler (123 Prozent), Bildung (139 Prozent) und persönliche Dienstleistungen (115 Prozent).

Das sind alles Märkte, wo wenig Wettbewerb herrscht, der Staat bestimmt (Bildung, Gesundheit, Energie, Verkehr, Landwirtschaft) oder wo die hohen Löhne den Unterschied zum Ausland ausmachen (nicht handelbare Dienstleistungen vom Coiffeur bis zum Berater).

Die Initiative «Stopp der Hochpreisinsel» verspricht zu viel. Sie bekämpft nicht die Ursachen, nur Symptome. Sie schmiert den Konsumenten Nivea in die Augen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 1. Oktober 2017