Monat: Januar 2017

Je lauter die Empörung, desto besser für den neuen Präsidenten Trump

Sein Wahlkampf war unkonventionell, seine Phase als gewählter Präsident ebenso. Donald Trump liess bis zum Amtsantritt nie den Verdacht aufkommen, an seinem Stil würde sich etwas ändern. Doch bis jetzt war nur sein Showtalent gefragt, und davon hat er im Überfluss. Ab sofort ist Substanz gefragt. Hier herrscht noch Mangel.

Die weltweiten Demonstrationen und vor allem der Marsch von Hunderttausenden von Frauen sollten dem neuen Präsidenten zu denken geben. Sie trauen ihm nichts zu, es sei denn alles Böse. Aber er wird keinen Finger rühren, sie zu besänftigen. Denn sie liefern den Treibstoff für seinen Kampf. Die Bilder von Demonstranten, die gegen einen gewählten Präsidenten wüten, bestärkt seine Anhänger nur in ihrer Überzeugung, dass die Wahl Trumps nötig war.

Je lauter die Empörung in Washington – für seine Anhänger ist es das «Herz des Bösen» –, desto besser für Trump. Denn dass er der kosmopolitischen Elite und dem Washingtoner Establishment in seiner Antrittsrede keine Konzessionen machte, stärkt sein Ansehen bei seinen Wählern nur. Er kann von diesem Widerstand nur profitieren, ja er braucht ihn geradezu für seine Heldengeschichte. Der Widerstand macht ihn erst stark. Denn ohne böse und übermächtige Gegner gibt es keinen Helden. «Ich bin gekommen, um euch die Macht zurückzugeben», verspricht der Held seinen Anhängern. Es war die zentrale Aussage seiner Rede. Er baut damit fleissig an seinem  Heldenimage.

Statt Empörung ist jetzt nüchterne Analyse gefragt. Erhält die ländliche Bevölkerung tatsächlich mehr Einfluss? Gibt es wieder mehr Industriejobs? Wächst die Wirtschaft schneller? Steigen die Einkommen der einfachen Leute? Werden Brücken, Flughäfen und Strassen erneuert? Steigen die amerikanischen Exporte? Sinkt das Budgetdefizit? Verbessert sich die Gesundheitsversorgung der einfachen Bevölkerung? Kommen weniger Immigranten ins Land? Bringen die US-Firmen ihre internationalen Gewinne zurück nach Amerika? Wird die überbordende Regulierung abgebaut? 

Nur was Trump hier erreicht, zählt für seine Wähler. Wenn er hier versagt, können ihn seine Gegner entzaubern. Wer aber glaubt, Trump mit Stilkritik und Demonstrationen aufhalten zu können, ist ihm in die Falle gegangen und hat noch nicht realisiert, dass er mitbaut an Trumps Heldenimage.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 22. Januar 2017

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Konsumenten könnten von Affen lernen

Gesund = teuer: Diese Vorstellung ist tief in unserem  Konsumentenhirn verankert. Wir glauben daran und kaufen entsprechend ein, auch dort, wo es keinerlei Zusammenhang zwischen Preis und Gesundheit gibt, wie drei US-Forscher kürzlich mit einer Serie von Experimenten nachweisen konnten. Verleitet ein höherer Preis zur Annahme,  etwas sei gesünder? Oder führen Hinweise auf gesundheitliche  Aspekte zur Erwartung, der Preis müsse höher sein?

Offenbar funktioniert das Vorurteil in beide Richtungen. So schlossen Testpersonen vom Preis eines Getreideriegels automatisch auf seine gesundheitliche Bekömmlichkeit: je teurer, desto gesünder. Umgekehrt erwarteten sie bei gesund klingenden Inhaltsangaben automatisch einen höheren Preis. Wenn sie für eine Kollegin ein «gesundes» Sandwich mitbringen sollten, wählten sie von zwei ähnlichen Angeboten immer das teurere, unabhängig von den Inhaltsstoffen. Produkte mit als gesund deklarierten Inhalten wurden von den Testpersonen skeptischer beurteilt, wenn sie billiger waren als normale Produkte: Sie trauten der Sache nicht.

Höhere Preise interpretieren wir gerne als positives Signal. Deshalb verwechseln wir leicht Preis und Qualität. Laien wählen selbst bei inhaltlich identischen Produkten wie Salz, Zucker, Backpulver oder Butter tendenziell das  teurere Markenprodukt, während  Experten, zum Beispiel Küchenchefs, die billigere Eigenmarke bevorzugen, (wie diese Studie zeigt). Das machen sich Händler und Marketingleute zunutze. Wer sich nicht auskennt, zahlt einen Preis dafür.

Das ist eine speziell menschliche Eigenschaft, wie Forscher in Experimenten mit Kapuzineraffen zeigten. Die Tiere verstehen Preisunterschiede und den Mechanismus von Kauf und Tausch. Aber unsere Eigenheit, eine Ware nach ihrem Preis zu beurteilen, fehlt ihnen. Das erfordere offenbar «besondere kognitive Fähigkeiten», stellen die Forscher fest. Man könnte das auch anders interpretieren: Die Affen scheinen in dieser Beziehung einfach intelligenter zu sein.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 22. Januar 2017

Alle Jahre wieder: Humbug am WEF

Schon wieder treffen sich die Reichen und Mächtigen am World Economic Forum (WEF) in Davos, um «den Zustand der Welt zu  verbessern», wie die Organisation behauptet. Und wieder nutzt der Hilfswerkverbund Oxfam die Bühne für seinen Werbeauftritt. Um die öffentliche Aufmerksamkeit wach zu halten, steigert Oxfam Jahr für Jahr die Dramatik.  2014 rechnete sie vor, die 85 Reichsten der Welt besässen so viel Vermögen wie die Hälfte der Menschheit zusammen. 2015 waren es demnach schon die 62 Reichsten und dieses Jahr sollen bereits die acht Reichsten mehr besitzen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.

Für ihren Vergleich mixt Oxfam den «Global Wealth Report» der Credit Suisse mit der Milliardärsliste von «Forbes». Die acht Superreichen besitzen zusammen Vermögenswerte von schätzungsweise 426 Milliarden Franken, zumeist in Form von Aktien ihrer Unternehmen. Das sind 0,17 Prozent des geschätzten Weltvermögens. Die Credit Suisse (CS) arbeitet mit Nettovermögen, also Ersparnissen abzüglich Schulden. Das ergibt für die Bank Sinn, da sie an der Verwaltung der Finanzvermögen interessiert ist. Aus dem Addieren von Schulden und Vermögen kann die CS Rückschlüsse auf ihr Marktpotenzial ziehen, aber es lassen sich keine sinnvollen Aussagen über Armut ableiten.

Die Methode führt stattdessen zu unsinnigen Aussagen: So sind  von den ärmsten zehn Prozent der Welt 13,7 Prozent Europäer, aber nur 12,6 Prozent Chinesen und nur 9,3 Prozent Lateinamerikaner. Zu den Allerärmsten dieser Welt gehören nach dieser Unstatistik mehr Deutsche als Türken, Kongolesen, Ägypter oder Philippinos.

Zu den Ärmsten dieser Welt gehören nach dieser absurden Logik der Schweizer, der nichts auf dem Konto hat und sein Auto auf Kredit kauft, genauso wie der amerikanische Investmentbanker, der mit einem 100’000-Dollar-Vertrag von Harvard abgeht und sein Studiendarlehen noch nicht abgezahlt hat. Nicht zu den Ärmsten zählt dagegen der syrische Flüchtling, der mit ein paar Tausend Dollar nach Europa kommt.

Der «Global Wealth Report» der Credit Suisse ist auch aus einem anderen Grund nicht geeignet für Aussagen über Armut und Ungleichheit. Internationale Organisationen und Ökonomen rechnen für solche Vergleiche mit Kaufkraftparitäten, um die unterschiedliche Kaufkraft im jeweiligen Land zu berücksichtigen. Die Credit Suisse rechnet dagegen die Währungen einfach zu den aktuellen Kursen in Dollar um. Das genügt für eine Bank, die an den Finanzvermögen von Anlegern interessiert ist, aber sicher nicht für Vergleiche, wie sie Oxfam anstellt. Die Aufwertung des Dollar hat die Vermögen in den USA auf- und jene in den ärmeren Ländern abgewertet. Über die Entwicklung der Ungleichheit sagt das nichts aus.

Man könnte über den Humbug hinwegsehen, wenn es nicht um so etwas Wichtiges wie die Bekämpfung der Armut ginge. Auf einer unbrauchbaren Datengrundlage lässt sich keine gute Politik aufbauen. Armut nimmt seit 30 Jahren weltweit stark ab, genau so wie die globale Ungleichheit. Zu verdanken ist das der zunehmenden Verbreitung von Freiheitsrechten und dem Zugang zu Märkten, die Wachstum möglich machten. Was Oxfam politisch bekämpft, befreite Millionen aus bitterer Armut. Die Propaganda hilft wohl ihrer Spendenkasse, aber nicht den Armen dieser Welt.

Zum Glück hängt die Verbesserung der Welt nicht von den grossen Sprüchen am WEF ab, sondern von Menschen, die ihre Freiheit nutzen.

Seriöse Daten über den Zustand der Welt und die bisher erzielten Fortschritte finden Sie übrigens in Online-Datenbanken wie Gapminder oder Ourworldindata.

Warum immer mehr Prominente sterben

David Bowie, Prince, Muhammad Ali, Fidel Castro, Carrie Fisher, George Michael, Johan Cruyff, Umberto Eco, Leonard Cohen, Shimon Peres – 2016 starben mehr Berühmtheiten als je zuvor. Diesen Eindruck vermittelten ­zumindest Jahresrückblicke und Medienberichte über «ein schwarzes Jahr». Forscher des MIT Media Lab in Cambridge wollten es genauer wissen. Sie fokussierten für ihre Untersuchung auf die 29’421 Personen, die auf Wikipedia in mehr als zwanzig Sprachen porträtiert werden – eine ­Methode, die offenbar wissenschaftlichen Standards genügt.

Die Zahl solcher Promi-Todesfälle stieg zwischen 2000 und 2015 von 86 auf 195 stark an. 2016 waren es aber nur 181. Trotzdem täuscht das Gefühl nicht, dass im letzten Jahr mehr Stars von uns gingen als früher. Berücksichtigt man nämlich nur die Superstars, deren Porträts in mehr als siebzig Sprachen auf Wikipedia zu finden sind, dann war 2016 mit 16 Toten tatsächlich ein schwarzes Jahr. 2015 waren es nur neun und 2014 zehn gewesen.

Wir sollten uns daran gewöhnen. Die Zahl der Berühmtheiten wächst schneller als die Weltbevölkerung. Dank der Verbreitung von Radio, Fernsehen, Tonträgern und Filmen produzierte das 20. Jahrhundert Stars wie nie zuvor. Wir erleben nun den Tod von Berühmtheiten, die ihre grössten Leistungen in den 1960er- bis 1980er-Jahren vollbrachten und deren Ruhm durch die Medien vervielfältigt wurde.

Als Folge der Kommunikationsrevolution ­müssen wir mit weiteren Steigerungen rechnen. So lange, bis die Zahl der Berühmtheiten nicht mehr durch die Kommunikationsmittel begrenzt wird, sondern durch unsere beschränkte Aufmerksamkeitskapazität.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 8. Januar 2017