Monat: November 2017

Trotz Problemen ist die Sicherheit im Schweizer Tramverkehr sehr hoch

Basler Trams haben schweizweit das höchste Unfallrisiko im Verhältnis zu den zurückgelegten Strecken und dem Fahrgastaufkommen. An zweiter Stelle folgt Zürich. Viel weniger Unfälle gibt es dagegen in Bern. Als Laie und jemand, der im Kanton Bern aufgewachsen ist, hat man dafür natürlich sofort eine naheliegende Erklärung parat.

Berner bewegen sich doch einfach sehr viel langsamer durch die Stadt als Zürcher oder Basler. Das sagt nicht nur das übliche Vorurteil. Gemäss Untersuchungen über die Gehgeschwindigkeit kamen die Berner vor einigen Jahren auf Rang 30 von 32 Städten weltweit. Nur in Malawi und Bahrain bewegten sich die Fussgänger langsamer. Messungen von ETH-Studenten mit einer App bestätigten einen deutlichen Tempounterschied zwischen den gehetzten Zürchern und Genfern und den gemütlichen Bernern. Daten zu den Basler Fussgängern fehlen.  

Aber die naheliegendste Erklärung ist nicht immer die beste. Va­nessa Mistric, die Datenjournalistin, welche die Unfallstatistik des Bundesamtes für Verkehr für die SonntagsZeitung ausgewertet hat, fand einen anderen Faktor, der neben den städtebaulichen und verkehrstechnischen Unterschieden einen wesentlichen Einfluss auf die Unfallhäufigkeit haben könnte: die Firmenkultur. Besonders in Basel beklagen sich Tramführer über das Arbeitsklima und «eine Kultur des Misstrauens» durch viele Leistungskontrollen. In Basel und in Zürich sind die Tramführer auch für den Service und das Erlebnis der Fahrgäste zuständig, was zusätzlich Druck ausübt. Wer sich wohlfühlt, fährt auch sicherer, lautet das Motto in Bern.

Trotz der Probleme muss man allerdings betonen, dass die Sicherheit im Schweizer Tram­verkehr grundsätzlich extrem hoch ist. Natürlich ist jeder Unfall einer zu viel. Aber 361 verletzte Fussgänger zwischen 2010 und 2016 und 20 Todesopfer sind angesichts der grossen Zahl an gefahrenen Kilometern und transportierten Passagieren sehr wenig. Trams sind für Stadtbewohner zudem äusserst bequem und zuverlässig. Es erstaunt nicht, dass die Besucher aus dem Ausland, die ganz andere städtische Verkehrsprobleme kennen, uns um unsere Trams beneiden.

Der immer dichtere Verkehr, übermütige Velofahrer und Fussgänger, die nur noch den Bildschirm ihres Smartphones im Auge haben, machen es den Chauffeuren schwer. Schliesslich muss der dichte Fahrplan eingehalten werden, und der leicht verspätete Fahrgast erwartet, dass ihm die Türe nochmals geöffnet wird. Es liegt nicht nur an den Tramführern, für Sicherheit zu sorgen. Auch wir Fussgänger und Velofahrer können unseren Teil dazu beitragen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 26. November 2017

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Hilfe, die Bauern vergiften uns!

«Pestizide in den meisten Lebensmitteln», meldet das Konsumentenmagazin «Saldo». Die «NZZ am Sonntag» schreibt, «fast 80 Prozent der Lebens­mittel» wiesen Pestizidrückstände auf und bei «knapp 10 Prozent» sei die Konzentration höher als gesetzlich erlaubt. «4 Prozent des Gemüses enthalten gefährlich viel Gift», meldet der «Tages-Anzeiger».

Saldo

Vergiften uns die Bauern? Natürlich nicht. Die Panikmache stützt sich zwar auf die amtlichen Kon­trolleure. Aber diese trifft keine Schuld. Nicht weniger als viermal betonen sie in ihrem jüngsten Bericht (PDF), ihre Daten dürften genau so nicht interpretiert werden. «Saldo» und die «NZZ am Sonntag» unterschlagen die entscheidende Einschränkung, der «Tages-Anzeiger» erwähnt sie immerhin. Denn die Stichprobe der Kontrolleure ist nicht zufällig. In gewissen Fällen werden die Produkte per Schnellmethode geprüft und nur die positiv getesteten Proben ins Labor geschickt. In vielen Fällen beruht die Auswahl auf Verdachtsmomenten. So werden bei Gemüse vor allem Importe aus China, Thailand und Vietnam getestet – sie machen nur 0,8 Prozent des Schweizer Marktvolumens aus. Jedem Statistikanfänger ist klar, dass solche Quoten niemals auf alle Lebensmittel hochgerechnet werden dürfen. Nur Panikmacher können auf die Idee kommen, den Anteil der Kriminellen aufgrund einer Stichprobe im Untersuchungsgefängnis auf die Gesamtbevölkerung hochzurechnen.

Noch nie in der Geschichte war die Lebensmittelsicherheit hierzulande höher. Und noch nie gab es so viele Alarmisten, die mit der Angst der Leute spielen. Sie verschweigen, dass Pestizide auch gegen Pilzbefall eingesetzt werden, um die Menschen vor wirklich gefährlichen Schimmelpilz­giften zu schützen, und dass die Rückstände mit ganz wenigen Ausnahmen in völlig unbedenklichen Mengen vorkommen. Viel realer ist das gesundheitliche Risiko, wenn die Leute wegen der Panikmache auf den Konsum von Gemüse verzichten.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 26. November 2017

Es geht nicht um Moral, es geht um Fairness

«Der Mist, den wir annehmen, ist teilweise echt atemberaubend», schrieb der Compliance-Chef von Appleby in einer Präsentation für die Mitarbeiter. Die internationale Kanzlei mit Sitz auf den Bermudas ist ein führender Anbieter im Offshoregeschäft und betreibt Büros in allen wichtigen Steuerparadiesen. Zu ihren Kunden gehören Prinzessinnen, Premierminister, Sport- und Filmstars, Oligarchen und andere Superreiche dieser Welt. Und natürlich internationale Grosskonzerne. Der Zweck der Offshorekonstrukte reicht vom Schutz der Privatsphäre bis zum Verstecken von kriminellen Geldern, vom Steuersparen bis zur Hinterziehung, vom ­Erleichtern von grenz­überschreitenden Transaktionen bis zur Geld­wäscherei.

Gegen die Veröffent­lichung der Paradise Papers wurde vielfach vorgebracht, die Offshorekonstrukte seien ja legal. Das greift aus mehreren Gründen zu kurz. Die Frage der Legalität werden in vielen Fällen die Gerichte beurteilen. Als Folge der Panama Papers wurden in 79 Ländern zahlreiche Untersuchungen eröffnet. Allein in Grossbritannien kam es bisher zu 66 Straf­verfahren, über 100 Millionen Pfund wurden eingetrieben. Und dabei sind die Justizbehörden erst seit anderthalb Jahren dran.

Wenn komplizierte Offshorestrukturen mit Briefkastenfirmen lediglich dazu dienen, die Steuerbarkeit zu verschleiern, widersprechen sie vielleicht nicht dem Buchstaben, wohl aber dem Geist des Gesetzes. Der Trick des Formel-1-Weltmeisters Lewis Hamilton, der wie viele andere Superreiche seinen Privatjet auf der Isle of Man immatrikulierte, um die Mehrwertsteuer zu umgehen, ist ein gutes Beispiel dafür.

Die Politiker tun gut daran, die Enthüllungen der Paradise Papers nicht einfach auf die Frage der Legalität zu reduzieren. Es geht auch nicht nur um die Moral von Steuervermeidung. Es geht um viel mehr. Vielleicht sind manche ­Offshoretricks legal. Aber sie untergraben das Vertrauen in unser System. Die Bürger müssen sich darauf verlassen können, dass es im ­grossen Ganzen fair zu- und hergeht. Dieses Ver­trauen in den Rechtsstaat wird zerstört, wenn die Reichsten und die Multis sich von Kanzleien wie Appleby eine Steuerbefreiung kaufen ­können, während jeder Angestellte und jedes KMU seinen Anteil zahlen muss.

Was die Menschen wirklich empört, ist Unfairness. Wenn die Panama Papers Anlass geben, ernsthaft gegen die systematische Verletzung von Fairnessregeln durch Offshorekonstrukte vorzugehen, haben sie ihren Zweck erfüllt.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 12. November 2017

Gottesurteile waren ziemlich clever

Erinnern Sie sich an die absurde Szene in Monty Pythons «Die Ritter der Kokosnuss», in der die Bauern mittels Gottesurteil herausfinden wollen, ob eine Frau eine Hexe ist? Das Gottesurteil erlebte seine goldene Zeit vom 9. bis 13. Jahrhundert, als mittelalterliche Richter damit schwierige Kriminalfälle entschieden. Der Angeschuldigte musste einen Stein aus einem Kessel kochend heissen Wassers holen oder ein glühendes Eisen tragen. Wies er Brandwunden auf, war er schuldig. Oder er wurde gefesselt ins Wasser gelegt; ging er unter, war er unschuldig. Gott kennt die Wahrheit und wird den Unschuldigen vor Verbrennungen bewahren oder ihn untergehen lassen.

Was für eine verrückte Idee! Heute können wir über die Dummheit und den Aberglauben der Leute im finsteren Mittelalter nur noch den Kopf schütteln. Der Ökonom Peter Leeson wollte es genauer wissen. Er untersuchte Aufzeichnungen von Gottesurteilen in England und Ungarn. Das überraschende Resultat: Die allermeisten Fälle endeten mit einem Freispruch. Wie durch ein Wunder verbrannten sich die Angeschuldigten nicht und gingen im Wasser unter. Wie war das möglich?

Da die Menschen sehr gläubig waren, konnte der Richter davon ausgehen, dass nur Unschuldige die Folter auf sich nehmen würden. Das vorgeschriebene, kirchliche Ritual verschaffte dem Priester einen grossen Spielraum, den Ausgang des Prozesses zu beeinflussen. Er konnte das Wasser oder das Eisen abkühlen lassen und die Hände erst nach ein paar Tagen begutachten. Er schickte nur dünne Männer, die er davor noch fasten liess, zum Tauchtest, aber nie Frauen. Diese haben einen höheren Körperfettanteil und gehen deshalb nicht unter.

Richter hatten nicht viele Möglichkeiten, die Schuld oder Unschuld eines Verdächtigen zu prüfen, wenn es keine Tatzeugen gab. Den Glauben auszunutzen, um unter schwierigen Umständen Gerechtigkeit herzustellen, war nicht dumm oder barbarisch, sondern ausserordentlich clever. Mit dem Glauben schwanden dann aber auch die Gottesurteile.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 12. November 2017