Monat: Mai 2017

Am Schluss gewinnt immer die Bürokratie

Nach einem Aufstand der Mitarbeiter wurde der Chefökonom der Weltbank diese Woche entmachtet. Paul Romer, erst acht Monate im Amt, bleibt zwar (noch) Chefökonom, aber er muss die Leitung der Abteilung für Entwicklungsökonomik abgeben, die die Armutsbekämpfung erforscht.

Weltbankpräsident Jim Yong Kim hatte mit der Berufung des angesehenen Romer Hoffnung auf eine Erneuerung der verknöcherten Organisation geweckt. Romer hatte seine Ökonomen aufgefordert, klarer und verständlicher zu schreiben, um den Lesern Zeit und Mühe zu sparen und mit ihren Studien mehr Wirkung zu erzielen. Er wies Arbeiten zurück, die keine klare Aussage enthielten, kritisierte die Arroganz der Forscher und schaffte nicht mehr benötigte Stellen ab. (Hier sein eigener Blog und hier sein Weltbank-Blog)

Wer regelmässig Weltbank­berichte liest, muss ihm ­dankbar sein. Eine Studie von Sprachforschern ergab, dass die Ökonomen des Instituts in ihren Arbeiten eine eigene Sprache ent­wickelt haben: «Bankspeak». Es wimmelt darin von Programmen, Strategien und anderen abstrakten Begriffen. Auffällig ist der extrem häufige Gebrauch des Wörtchens «und». Es ist das häufigste Wort in Weltbank-Texten, noch vor «the», das in englischen Texten klar an der Spitze steht. Die Autoren zählen damit möglichst vieles auf, was nicht zusammengehört, aber klug klingen soll. Romer kritisiert, die Autoren versuchten auf diese Weise, es allen recht zu machen und die Widerlegbarkeit ihrer Aussagen zu erschweren.

Er war zur Weltbank gegangen, weil er glaubte, dort mit Forschung mehr Wirkung erzielen zu können als anderswo. Das war ein Irrtum. Eine grosse Bürokratie hat andere Prioritäten: ja niemanden verärgern und nie so deutlich werden, dass sich jemand beschweren könnte.

Am Schluss gewinnt immer die Bürokratie. William Easterly, ein anderer bekannter Entwicklungsökonom und früherer Weltbank-Forscher, hat schon vor 14 Jahren festgehalten: «Die Weltbank ermutigt Störenfriede wie mich, sich einen anderen Job zu suchen.»

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 28. Mai 2017

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Fairness ist wichtiger als Gleichheit

Schon Kinder zeigen eine Abneigung gegen Ungleichheit. Wenn Dreijährige Spielzeug oder Süssigkeiten unter anderen Kindern verteilen, geben sie allen gleich viel. Sechsjährige schmeissen lieber Überzähliges weg, als dem einen mehr zu geben als dem andern. Tausende Studien bestätigen diese Ungleichheitsaversion, bei Gross und Klein, in verschiedenen Ländern und Kulturen.

Seit dem Bestseller von Thomas Piketty («Kapital im 21. Jahrhundert») ist Ungleichheit in den reichen Ländern zum Dauerthema geworden. In den Schweizer Medien hat sich die Zahl der Beiträge dazu verdoppelt. Trotzdem ist Umverteilung nicht populärer geworden. Selbst in den USA nicht, wo die Zahlen einen steilen Anstieg der Ungleichheit belegen. Zahlreiche Studien zeigen, dass Ungleichheit an sich die Menschen nicht gross zu kümmern scheint. Fragt man sie nach ihren Vorstellungen, wie Ressourcen verteilt sein sollten, ziehen sie eine ungleiche Gesellschaft vor.

Wie kann das sein, wo doch die Abneigung gegen Ungleichheit angeboren und universell sein soll? Diesen Widerspruch versuchen Forscher der Universität Yale in einer kürzlich veröffentlichten Studie zu klären. In Laborexperimenten erscheint die Gleichverteilung als fair, weil die Empfänger sich nach Bedürftigkeit oder Leistung nicht unterscheiden. In der realen Welt tun sie das aber, und deshalb erscheint eine Gleichverteilung als unfair. Die Forscher finden keine Hinweise dafür, dass die Menschen sich an wirtschaftlicher Ungleichheit an sich stören.

Was sie tatsächlich empört, ist Unfairness. Wenn Fairness und Gleichheit in Konflikt geraten, bevorzugen sie eine faire gegenüber einer gleichen Verteilung. Die politische Bewirtschaftung der Ungleichheit läuft ins Leere, weil sie nicht das bekämpft, was die Menschen wirklich stört. Sie vermag mehr Umverteilung nicht überzeugend zu begründen. Politische Durchschlagskraft haben jedoch Forderungen, die sich gegen die Verletzung von Fairnessregeln wenden. Die Debatte um exorbitante Boni wird deshalb nicht so schnell verschwinden.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 14. Mai 2017

Kann das Laptop-Verbot die Terroristen stoppen?

Experten rätseln, ob die neueste Sicherheitsbestimmung Sinn ergibt – das ist wenig vertrauenerweckend.

Im März verboten die USA und Grossbritannien das Mitführen von Laptops und anderen elektronischen Geräten im Passagierraum. Man wunderte sich, aber betroffen waren ja nur Flüge aus ein paar muslimischen Ländern. Jetzt soll das Laptop-Verbot also nach Europa kommen. Und mit der Betroffenheit würde garantiert auch der Unmut zunehmen.

Die Massnahme soll Terroristen daran hindern, in Laptops versteckte Bomben – etwa getarnt als Batterien – an Bord zu schmuggeln. Als Passagier muss man darauf vertrauen, dass dies die Sicherheit erhöht. Aber das Vertrauen in die Behörden erhöht es nicht.

Bisher sorgte vor allem das Theater an den Sicherheitskontrollen in Europas Flughäfen für Kopfschütteln, wo die Reisenden gezwungen werden, ihre Cola-Flaschen, Parfüms und Zahnpastatuben in den Müll zu werfen. Die Massnahme funktioniert als Verkaufsförderung für Duty-free-Läden. Aber sie weckt Zweifel an der Wirksamkeit unserer Terrorabwehr und an der Intelligenz unserer Sicherheitsdispositive.

Sicherheitsexperten rätseln auch über den Sinn des Laptop-Verbots. Fluggesellschaften und europäische Flugsicherheitsbehörden wollen Geräte mit Lithium-Batterien wegen Brandgefahr nicht im Frachtraum haben (hier). Warum gilt es nur für gewisse Fluggesellschaften und Flughäfen? Warum setzt man nicht einfachere Methoden zur Überprüfung ein (früher musste man etwa das Gerät einschalten)? Es ist nicht vertrauenerweckend, dass die Scanner am Flughafen offenbar nicht zwischen einer Batterie und Sprengstoff unterscheiden können.

Die Behörden müssen besser informieren. Versteht man den Sinn, erträgt man auch unangenehme Massnahmen. Information erhöht das Vertrauen in die Behörden. Das kann nicht schaden, gerade in der heutigen Zeit.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 14. Mai 2017

Was man sieht und was man nicht sieht

Arbeitsplätze sind der Trumpf, der fast immer sticht. In politischen Auseinandersetzungen werden sie deshalb gerne und oft als Argument eingesetzt. Auch für die Energiestrategie 2050, über die wir am 21.Mai befinden. Sie sei «ein zutiefst patriotisches Projekt», sagt SP-Nationalrat Roger Nordmann. CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt spricht von einem «durch und durch schweizerischen Projekt», nach dem Motto «das Geld bleibt hier».

Statt es den Ölscheichs zu überweisen, geben wir es hier aus und schaffen Arbeitsplätze. So einfach ist das. Aber das Arbeitsplatzargument ist nicht zu Ende gedacht, das grüne Jobwunder ein Trugschluss. Natürlich schafft man mit Subventionen Arbeitsplätze in den betroffenen Branchen. Aber das ist nur das, was man sieht, die Spitze des Eisbergs. Was man nicht sofort sieht, sind die indirekten Neben- und Folgewirkungen auf die Gesamtwirtschaft. Nichtsdestotrotz sind diese sehr real. In der Landwirtschaft sind sie mittlerweile auch nicht mehr zu übersehen: hohe Preise und Kosten, tiefe Produktivität und Löhne.

Wohlstand beruht auf der Fähigkeit, möglichst viel Wert mit möglichst wenig Arbeitseinsatz zu schaffen. Hätte die Schweiz in der Vergangenheit auf «patriotische Projekte» statt auf Produktivität gesetzt, wäre sie heute nicht das Land mit den höchsten Löhnen und unzähligen Weltmarktführern. Das Geld wäre hier geblieben – wir hätten einfach viel weniger davon. Wir sind erfolgreich, weil wir exportieren, was wir gut können, und importieren, was wir selber nur schlecht oder teuer herstellen können. Wir importieren Öl für unsere Heizungen, weil wir viel produktiver im Pillendrehen sind als im Holzschlagen.

Arbeitskräfte und Kapital, die man mit den Subventionen in den Energiesektor locken will, sind heute in anderen, wettbewerbsfähigen Branchen aktiv, weil sie dort produktiver sind. Angesichts des Mangels an Fachkräften wird man sie dort abziehen oder im Ausland holen müssen. Es gibt sicher gute Argumente für die Energiestrategie 2050. Aber das Arbeitsplatzargument gehört definitiv nicht dazu.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 30. April 2017