Trotz Problemen ist die Sicherheit im Schweizer Tramverkehr sehr hoch

Basler Trams haben schweizweit das höchste Unfallrisiko im Verhältnis zu den zurückgelegten Strecken und dem Fahrgastaufkommen. An zweiter Stelle folgt Zürich. Viel weniger Unfälle gibt es dagegen in Bern. Als Laie und jemand, der im Kanton Bern aufgewachsen ist, hat man dafür natürlich sofort eine naheliegende Erklärung parat.

Berner bewegen sich doch einfach sehr viel langsamer durch die Stadt als Zürcher oder Basler. Das sagt nicht nur das übliche Vorurteil. Gemäss Untersuchungen über die Gehgeschwindigkeit kamen die Berner vor einigen Jahren auf Rang 30 von 32 Städten weltweit. Nur in Malawi und Bahrain bewegten sich die Fussgänger langsamer. Messungen von ETH-Studenten mit einer App bestätigten einen deutlichen Tempounterschied zwischen den gehetzten Zürchern und Genfern und den gemütlichen Bernern. Daten zu den Basler Fussgängern fehlen.  

Aber die naheliegendste Erklärung ist nicht immer die beste. Va­nessa Mistric, die Datenjournalistin, welche die Unfallstatistik des Bundesamtes für Verkehr für die SonntagsZeitung ausgewertet hat, fand einen anderen Faktor, der neben den städtebaulichen und verkehrstechnischen Unterschieden einen wesentlichen Einfluss auf die Unfallhäufigkeit haben könnte: die Firmenkultur. Besonders in Basel beklagen sich Tramführer über das Arbeitsklima und «eine Kultur des Misstrauens» durch viele Leistungskontrollen. In Basel und in Zürich sind die Tramführer auch für den Service und das Erlebnis der Fahrgäste zuständig, was zusätzlich Druck ausübt. Wer sich wohlfühlt, fährt auch sicherer, lautet das Motto in Bern.

Trotz der Probleme muss man allerdings betonen, dass die Sicherheit im Schweizer Tram­verkehr grundsätzlich extrem hoch ist. Natürlich ist jeder Unfall einer zu viel. Aber 361 verletzte Fussgänger zwischen 2010 und 2016 und 20 Todesopfer sind angesichts der grossen Zahl an gefahrenen Kilometern und transportierten Passagieren sehr wenig. Trams sind für Stadtbewohner zudem äusserst bequem und zuverlässig. Es erstaunt nicht, dass die Besucher aus dem Ausland, die ganz andere städtische Verkehrsprobleme kennen, uns um unsere Trams beneiden.

Der immer dichtere Verkehr, übermütige Velofahrer und Fussgänger, die nur noch den Bildschirm ihres Smartphones im Auge haben, machen es den Chauffeuren schwer. Schliesslich muss der dichte Fahrplan eingehalten werden, und der leicht verspätete Fahrgast erwartet, dass ihm die Türe nochmals geöffnet wird. Es liegt nicht nur an den Tramführern, für Sicherheit zu sorgen. Auch wir Fussgänger und Velofahrer können unseren Teil dazu beitragen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 26. November 2017

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