Mythos Negativzins

12.6.2016 / Armin Müller

Am Donnerstag ist es wieder so weit. Thomas Jordan, Andréa Maechler und Fritz Zurbrügg schildern der Weltöffentlichkeit ihre Sicht auf die geldpolitische Lage. Nach der Freude über die neue Fünfzigernote wird das Direktorium der Nationalbank diesmal wieder seine Standardmiene aufsetzen: ernst bis besorgt. Brexit, Euro-Krise, Donald Trump – es gibt genug Gründe für finstere Mienen.

Jordan wird erneut die Beibehaltung der Negativzinsen verteidigen. Und ein Teil der Medien, Banken und Finanzexperten wird erneut deren schädliche Folgen beklagen: Enteignung der Sparer, Schädigung der Pensionkassen. Diese haben im letzten Jahr etwa 100 Millionen Franken Strafzinsen bezahlt – 0,01 Prozent ihrer Bilanzsumme. Das ist nichts im Vergleich zum Problem mit zu hohen Umwandlungssätzen und technischen Zinsen. Die Klage über Negativzinsen klingt wie der Kapitän, der auf dem leckgeschlagenen Schiff über den Regen jammert. Und die Sparer leben in vergleichsweise guten Zeiten. Über lange Phasen wurden sie früher durch die Inflation enteignet. Heute bleibt ihnen dank sinkenden Preisen und Steuerrechnungen mehr vom Sparbatzen.

Aber je länger die «unkonventionellen» geldpolitischen Massnahmen der Notenbanker in Europa, Japan und den USA dauern, desto mehr rächt sich ihre Kommunikationsstrategie. Der Eindruck von Notmassnahme und Ausnahmezustand ängstigt die Bürger und verwirrt die Märkte. Es wäre klüger gewesen, den Begriff Negativzins gar nicht erst einzuführen. Dass man auf dem Bankkonto wegen den Gebühren per Saldo draufzahlt, ist weder neu noch unkonventionell. Nur nannten das die Banken nie Negativzins. Würden sie sich über Kontogebühren beklagen statt über Negativzinsen, würden sie von den Kunden wohl ausgelacht.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 12. Juni 2016

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