Psychologie

Infektionskrankheiten prägten die Entwicklung der Menschheit

Infektionskrankheiten gehören seit je zu den häufigsten Todesursachen. Deren Vermeidung war deshalb für das Überleben und die Entwicklung der Menschheit zentral. Die gleichen Schutzmechanismen, die uns über Jahrtausende vorangebracht haben, können heute jedoch zur Diskriminierung von Kranken führen, wie Psychologen gezeigt haben.

In den letzten Jahren haben Forscher wie Jonathan Haidt, Paul Rozin, Clark McCauley oder David Pizarro nachgewiesen, welch wichtige Rolle im Kampf gegen Infektionskrankheiten und bei der Entwicklung der Menschheit das Gefühl des Ekels gespielt hat. Ekel gegenüber Fäkalien, Gerüchen von Verdorbenem und Ähnlichem schützten ursprünglich den Menschen vor der Aufnahme vergifteter Nahrung.

Daraus entwickelte sich während der kulturellen Evolution ein ganzes Wächtersystem der sozialen und moralischen Ordnung. Die Menschen grenzten sich mit Ekel ab von grausigen Dingen, die sie für gefährlich hielten. Sie kommunizierten diese Gefühle in ihren Gemeinschaften, entwickelten Regeln dazu und stellten Tabus auf.

Ekel wurde in der Gesellschaft eingesetzt, um soziale Normen, zum Beispiel Sauberkeit und Hygiene, durchzusetzen. Wer sich nicht an diese sozialen und moralischen Regeln hielt, wurde beschämt, ausgegrenzt und ausgeschlossen.

Daraus entwickelten sich Manieren und religiöse Gebote, lange bevor es Gesetze und Polizisten gab, die diese durchsetzten. Ekel spielte daher eine wichtige Rolle für die öffentliche Gesundheit. Er brachte die Menschen dazu, zusammenzuarbeiten und Zivilisationen aufzubauen. Das Ganze hat aber auch eine gefährliche Seite. Menschen neigen dazu, andere Individuen zu meiden, die Anzeichen von Krankheiten aufweisen. Der Einsatz von Abscheu gegen Menschen, deren Verhalten als gefährlich für die Gemeinschaft bezeichnet wird, kann deshalb leicht zum Schüren von Vorurteilen eingesetzt werden. Allzu leicht können solche Gefühle die Stigmatisierung von Fremden, Homosexuellen, Obdachlosen, Fettleibigen und allen möglichen Gruppen rechtfertigen.

Der medizinische Fortschritt hat sehr viel erreicht im Kampf gegen Infektionskrankheiten, auch im Falle von Aids. Dank Medikamenten bricht die Krankheit nicht mehr aus, die Betroffenen stecken niemanden mehr an. Jetzt geht es darum, mit der Krankheit auch die Stigmatisierung und die Diskriminierung zu überwinden. Das braucht Zeit, aber die bisherigen Erfolge im Kampf gegen Aids geben Anlass zu Optimismus.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 25. November 2018

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Warum wir Nichtwissen vorziehen

Kassandra erhielt in der grie­chischen Mythologie von Apollon die Gabe der Weissagung geschenkt. Als sie sich von ihm nicht verführen liess, verfluchte er sie, sodass niemand ihren Prophezeiungen Glauben schenkte. Dass sie den Sturz Trojas, ihren eigenen Tod und vieles mehr voraussah, wurde ihr zur Qual.

Wissen zu wollen, was die Zukunft bringt, gilt zwar als natürliche, urmenschliche Eigenschaft. Aber in Wirklichkeit wollen die Menschen oft gar nicht wissen, was sie erwartet. Deshalb ist es heute in Besprechungen üblich, Warnhinweise zu setzen, bevor wichtige Details oder das Ende eines Buchs oder Films verraten werden. Selbst in Risikogruppen verzichten viele auf Tests bezüglich HIV oder Erbkrankheiten. Gentests, die Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Krankheiten verraten, sind kein Renner.

Warum das so ist, untersuchten die ­beiden Forscher Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut und ­Rocío García-Retamero von der Universität Granada (hier die Studie). Sie stellten dazu über 2000 Deutschen und Spaniern Fragen zu zukünftigen Ereignissen.

85 bis 90 Prozent der Teilnehmer wollten lieber nichts über negative Ereignisse wissen. Zum Beispiel, wann oder woran sie selber oder ihr Partner sterben oder ob ihre Ehe halten wird. 40 bis 70 Prozent wollten auch nicht über Positives Bescheid wissen, zum Beispiel das Resultat eines Fussballspiels, das sie sich in der Aufzeichnung ansehen ­wollen, oder den Inhalt von Weihnachtsgeschenken. Nur das Geschlecht des noch ungeborenen Kindes wollten mehr Teilnehmer erfahren als nicht. Menschen, die es vorziehen, die Zukunft nicht zu kennen, kaufen dafür eher Versicherungen als jene, die über ihre Zukunft Bescheid wissen möchten.

Der Mensch verzichtet offenbar gern auf Kassandras Gabe, wenn es um seine persönliche Zukunft geht. Damit will er Leid und Bedauern vermeiden, das das Wissen über die Zukunft verursachen kann. Und er will sich die freudige Spannung erhalten, die positive Erlebnisse bergen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 2. April 2017