Fortschritt

Die Welt ist zu einem besseren Ort geworden

Auf allen Kanälen prasselt ein unaufhörliches Trommelfeuer negativer Nachrichten aus aller Welt auf uns ein: Verbrechen, Terroranschläge, Naturkatastrophen, Krieg, Armut, Umweltzerstörung, Sexismus, Massenentlassungen. Die guten Nachrichten schaffen es seltener in die Nachrichtensendungen und Zeitungsspalten. Aber es gibt sie, und wie! «Die Zahl der Menschen in extremer Armut ist gestern um 137000 gesunken» – diese Schlagzeile hätte man in den letzten 25 Jahren an jedem einzelnen Tag auf die Titelseite setzen können, stellt Max Roser fest. Der Forscher an der Universität Oxford sammelt auf seiner Website OurWorldinData.org Daten zur Entwicklung der Welt.

Demnach ist die Faktenlage eindeutig: Die Welt verändert sich zum Guten, das Leben der Menschen verbessert sich in allen möglichen Bereichen – Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Gesundheit, Gleichberechtigung, Lebensstandard, Schulbildung, Zugang zu Elektrizität und Internet, Toleranz gegenüber Homosexualität. Aber zum Beispiel in Schweden denken nur 10 Prozent der Befragten, die Welt werde besser, in den USA 6 und in Deutschland 4 Prozent, wie eine Umfrage zeigt. Die Pessimisten in den reichen Ländern wissen dabei am wenigsten gut Bescheid.

Wie kommt es zu dieser massiven Wahrnehmungsstörung? Vor allem Berichte über langsame, allmähliche Verbesserungen schaffen es nur selten auf die Titelseiten, selbst wenn sie Millionen Menschen betreffen. Wir sind durch die Evolution darauf getrimmt, auf mögliche Gefahren zu reagieren. Negative Meldungen wecken deshalb mehr Interesse als positive. «Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten», das ist nicht einfach Zynismus der Journalisten.

Zudem gehört Alarmismus zum Geschäftsmodell politischer Aktivisten, Lobbyisten und Unternehmen, denn er bringt Spenden und Aufträge. Eine Studie von Psychologen der Harvard University liefert einen weiteren Grund für Wahrnehmungsfehler. In einem Experiment mussten die Teilnehmer bedrohliche Gesichter neben neutralen und freundlichen identifizieren. Je weniger bedrohliche auftauchten, desto mehr neutrale wurden als bedrohlich eingestuft. Wenn Probleme seltener werden, definieren wir automatisch mehr Dinge als problematisch.

Die Feststellung, dass wir grosse Fortschritte gemacht haben, heisst nicht, den Blick von all den vorhandenen Problemen abzuwenden. Im Gegenteil, so Max Roser: Wir wissen, dass es möglich ist, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, weil wir es bereits getan haben.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen von Herzen frohe Weihnachten!

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 23. Dezember 2018

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Danke, Hans Rosling!

Er entdeckte Löcher, «tiefe schwarze Löcher des Unwissens» – und versuchte, sie mit Fakten zu füllen. So beschrieb der schwedische Arzt, Gesundheitsforscher und Statistiker Hans Rosling seine Lebensaufgabe. Er war ein Vorbild für Fakten-Checker. In Experimenten zeigte er, wie wenig selbst gebildete Leute vom Zustand der Welt verstehen. Sogar Schimpansen schätzten die Daten zur weltweiten Armut, zu Alphabetisierung oder Lebenserwartung realistischer ein als sie.

Im letzten Herbst wies er nach, dass eine breit zitierte UNO-Studie auf grob fehlerhaften Hochrechnungen beruhte. Sie hatte behauptet, dass 60 Prozent aller vermeidbaren Fälle von Müttersterblichkeit auf Frauen entfielen, die auf der Flucht seien oder in Konfliktgebieten lebten. Damit wurden Gelder in Flüchtlingslager geleitet statt nach Schwarzafrika und Indien, wo die Müttersterblichkeit am höchsten ist.

Als Arzt in Moçambique hatte er 1981 den Ausbruch einer unbekannten Krankheit beobachtet, die Lähmungen verursachte. Er fand schliesslich die Ursache im Verzehr von ungenügend verarbeitetem Maniok. In Kuba konnte er Fidel Castro erklären, was kubanische Ärzte nicht zu äussern wagten: dass die Bevölkerung wegen Proteinmangel krank wurde. 2014 reiste er nach Liberia, um Daten zur Ausbreitung der Ebola-Epidemie zu sammeln.

Am 7. Februar ist Hans Rosling im Alter von 68 Jahren verstorben.

Unvergessen bleibt er dank unzähligen Videos (zu finden auf der von ihm gegründeten Datenplattform Gapminder.org oder auf Youtube). Er war ein Genie darin, trockene Statistiken durch Visualisierung zum Leben zu erwecken. Auf seine unnachahmliche Weise gelang es ihm, mit Daten und Fakten eindrückliche und faszinierende Geschichten zu erzählen – sei es über den Zauber der Waschmaschine, die Angst vor dem weltweiten Bevölkerungswachstum oder 200 Jahre Weltgeschichte in vier Minuten. Um zu zeigen, dass wir auch scheinbar Unmögliches schaffen, wenn wir es nur an packen, schluckte er auch schon mal ein Schwert.

Danke, Hans Rosling!

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 19. Februar 2017