SonntagsZeitung

Wenn aus Science-Fiction Realität wird

Drohnen sind längst nicht mehr nur der Renner im Spielwarengeschäft. Gemäss Schätzungen fliegen in der Schweiz schon mehr als 100 000 Stück. Die Anwendungsmöglichkeiten scheinen unbegrenzt. Die Post und der Spitalverbund EOC testeten im letzten Jahr eine Drohnenverbindung zwischen zwei Spitälern in Lugano. Ab Sommer wollen die Partner einen regulären Drohnentransport für Laborproben oder dringend benötigte Medikamente aufnehmen. In Grossstädten sollen Drohnen Organe rechtzeitig für die Transplantation zum Empfänger ins Spital bringen. In Australien, Ruanda oder Ghana schicken Gesundheitsdienste Medikamente oder Blutkonserven in schwer erreichbare Gebiete. Sie sparen damit Zeit und retten Leben.

In afrikanischen Staaten setzen Parkwächter und Tierschützer auf Drohnen, um Wilderern das Handwerk zu legen. Wissenschafter erforschen damit seltene Tierarten. Drohnen revolutionieren in Kombination mit Sensoren, Datenanalysen und Robotern die Landwirtschaft. Sie helfen, den Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln auf dem Acker zu optimieren. Facebook testet solarbetriebene Drohnen, um Helfern in Katastrophengebieten und Bewohnern entlegener Landstriche einschnelles Internet zur Verfügung zu stellen.

Neue Technologien sind jedoch immer zweischneidig. Braucht es noch Pöstler, wenn Amazons Drohnen die Pakete schneller und billiger liefern können? Statt Medikamente zu den Patienten fliegen sie auch Drogen ins Gefängnis oder spionieren den Nachbarn aus. Im November diskutierte die UNO-Konvention gegen unmenschliche Waffen in Genf ein Verbot von tödlichen autonomen Waffen – zum Beispiel Drohnen, die ihre Ziele ohne weitere menschliche Einwirkung finden und angreifen können. Drohnen sind billig. Sie könnten auch von Terroristen und Verbrechern eingesetzt werden. Drohnensteuerung, Gesichtserkennung und Bomben müssen nur noch verbunden werden, dann wird aus Science-Fiction Realität.

Angesichts der Gefahren rüsten die Behörden auf. In der EU müssen sich Piloten und ihre Drohnen bald registrieren lassen. Das wird auch in der Schweiz früher oder später der Fall sein. Wir können nicht voraussehen, wie und wozu neue Technologien eingesetzt werden. Gesetze und Regulierungen müssen den drohenden Gefahren gerecht werden, ohne die menschliche Kreativität zur Lösung von Problemen zu ersticken. Das war schon immer schwierig. 1899 einigte man sich auf einer internationalen Friedenskonferenz in Den Haag auf ein Verbot, «Geschosse und Sprengstoffe von Ballons abzuwerfen». Was Sinn zu machen schien, erwies sich schon sehr bald als töricht.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 25. Februar 2018

Maduro setzt auf den Krypto-Hype

Venezuela macht Werbung für den Petro, eine Kryptowährung, mit der sich der bankrotte südamerikanische Staat Devisen beschaffen will. Am Dienstag startete der Vorverkauf. Präsident Nicolás Maduro behauptet, es sei mehr als eine Milliarde Dollar eingegangen. Der Petro soll an den Wert von einem Fass Erdöl gekoppelt sein und etwa 60 Dollar betragen. Da die Landeswährung Bolivar durch die Hyperinflation praktisch wertlos wurde, wäre eine stabile Währung attraktiv.

Doch die Informationen der Regierung sind widersprüchlich und unvollständig. Wer den Petro kauft, erwirbt offensichtlich keinerlei Anspruch auf Öl. Er kann ihn bloss zu einem von der Regierung manipulierten Kurs gegen Bolivar tauschen und damit Steuern zahlen. Der Petro stellt also lediglich eine Staatsschuld dar, die mit noch nicht geförderten Ölvorräten besichert wird. Das ist niemals 60 Dollar pro Fass wert, erst recht nicht bei einem Schuldner mit einer so miesen Zahlungsmoral wie Venezuela. Petros kaufen kann man nur mit Dollars, Euros oder Kryptowährungen – doch Venezolanern ist der Kauf von Fremdwährungen verboten. Auch Ausländer sollten die Finger davon lassen. Die USA haben bereits gewarnt, Petros könnten als Umgehung der Sanktionen angesehen werden.

Zum Glück für unvorsichtige Anleger funktioniert die Petro-Website nicht richtig. Die behaupteten Einnahmen sind erfunden oder manipuliert. Hugo Chávez und sein Nachfolger Maduro haben Venezuela mit ihrem «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» ruiniert. Der Hype um Kryptowährungen bietet Maduro eine letzte Chance, zu Geld zu kommen. Denn Staatsanleihen kauft ihm längst niemand mehr ab. Am Donnerstag kündigte er auch noch einen «Petro Gold» an. Wohl in Anlehnung an Bertolt Brecht («Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?»): Was ist eine Staatsanleihe gegen die Ausgabe einer Kryptowährung?

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 25. Februar 2018

Was Boxer von Organspendern unterscheidet

Mehr als 100 Millionen TV-Zuschauer sahen sich die diesjährige Superbowl an, das Finalspiel im American Football. Football ist der populärste und lukrativste Sport in den USA. So populär und lukrativ, dass man Kollateralschäden in Kauf nimmt. Keine Sportart verzeichnet mehr Gehirnverletzungen. In 110 von 111 untersuchten Gehirnen ehemaliger Profispieler wiesen Forscher die Gehirnerkrankung Chronisch-traumatische Enzephalopathie nach.

Football-Profis gehen das Risiko freiwillig ein – und sie werden gut dafür bezahlt. Dieses Argument gilt anderswo jedoch nicht: So ist es verboten, Nierenspender für ihre gute Tat zu bezahlen. Ende 2017 standen in der Schweiz 1556 Patienten auf der Warteliste für eine Spenderniere, fast 30 Prozent mehr als vor fünf Jahren. Sie müssen sich einer aufwendigen, schmerzhaften und teuren Blutwäschetherapie unterziehen. Für manche ist das Warten tödlich. 2017 starben 26 Patienten auf der Warteliste.

Warum zahlen wir Football-Profis, die uns unterhalten, verbieten aber die Entschädigung von Spendern, die Leben retten? Das fragen die US-Professoren Kimberley Krawiec und Philip Cook in einer kürzlich veröffentlichten Studie. Gegen die Bezahlung von Organspendern werden oft ethische Argumente vorgebracht. Der finanzielle Anreiz könne Menschen dazu bringen, gegen ihre eigentlichen Interessen zu handeln, und das führe zur Ausbeutung von Armen. Krawiec und Cook halten dagegen. Die Gesundheitsrisiken einer Profikarriere im Football oder Boxen sind weit grösser als die eines Nierenspenders. Footballer und Boxer kommen oft aus armen Verhältnissen, die meisten sind Schwarze oder Hispanoamerikaner.

Für die Entschädigung von Nierenspendern gibt es sehr viel stärkere Argumente als für die Bezahlung von Profisportlern. Denken Sie daran, wenn Sie sich in 14 Tagen den Boxkampf um den Weltmeistertitel im Schwergewicht zwischen Deontay Wilder und Luis Ortiz anschauen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 18. Februar 2018

Postauto-Skandal bietet Chance für Korrekturen bei Staatsbetrieben – und Gratiswerbung für Massenmörder

Nachdem in den 1990er-Jahren verschiedene Bundesbetriebe ausgelagert worden waren, legte der Bundesrat 2006 mit dem Bericht zur Corporate Governance die Grundlage für seine heutige Politik als Eigentümer von Post, SBB, Swisscom und anderen Staatsbetrieben. Da wurde vieles richtig gemacht. Es wurden moderne Prinzipien und Richtlinien erarbeitet, wie das Volkseigentum an den staatseigenen Betrieben zu schützen und zu entwickeln ist, wie die Unternehmen gesteuert und kontrolliert werden sollen.

Der Postauto-Skandal zeigt, dass die Arbeit nie abgeschlossen ist. Die Steuerung und Kontrolle von Staatsbetrieben ist nicht einfacher geworden. Die Zuweisung der Verantwortung wurde nicht überall überzeugend geregelt. Die Mehrfachrolle als Eigentümer, Regulator und Auftraggeber provoziert Zielund Interessenkonflikte. Wie diese gelöst werden können, zeigen die kürzlich überarbeiteten OECD-Leitsätze zur Corporate Governance in staatseigenen Unternehmen. Hier gilt es nun nachzubessern. Es ist deshalb richtig, dass das Parlament das Thema in der kommenden Session auf die Traktandenliste nimmt.

Und nun zu etwas völlig anderem:

Nach einer Häufung von Terroranschlägen und Amokläufen im Sommer 2016 entschieden wir uns bei SonntagsZeitung und «Tages-Anzeiger», keine Bilder von Attentätern mehr zu publizieren und ihre Namen abzukürzen. Es ging darum, den Tätern – wie etwa jenem von Florida am Mittwoch – keine Bühne zu geben und womöglich Nachahmer zu animieren. Wir waren uns bewusst, dass unser Einfluss sehr begrenzt ist. Auch ohne uns werden Namen und Bilder weiterhin im Netz zu sehen sein. Die Reaktion der Leserinnen und Leser war mehrheitlich positiv, jene der Kollegen und Medienkritiker negativ, unter anderem weil im Web in Einzelfällen Namen in Texten von Agenturen durchrutschten.

Unterstützung erfährt unsere Haltung nun von Adam Lankford, Professor für Kriminalistik und Strafrecht an der Universität von Alabama. In einer kürzlich veröffentlichten Studie vergleicht er die Medienpräsenz von Massenmördern mit Stars aus Sport, Film und Fernsehen. Einige Täter erhielten mehr Medienpräsenz als die berühmtesten US-Stars, darunter Kim Kardashian, Brad Pitt, Tom Cruise, Johnny Depp und Jennifer Aniston. «Diese Medienaufmerksamkeit stellt Gratiswerbung dar für Massenmörder, was die Wahrscheinlichkeit von Nachahmungstätern erhöht», stellt Lankford fest. In einem von 149 Experten unterzeichneten öffentlichen Brief fordert er die Medien auf, zwar weiterhin über die Verbrechen zu berichten, aber auf Namen und Fotos der Täter zu verzichten.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 18. Februar 2018

Populistische Wahlversprechen lohnen sich

Die Schweizerische Nationalbank hat die Wahlen in Polen beeinflusst und der rechtsna­tionalen Partei PIS 2015 zur ­absoluten Mehrheit verholfen. Wie es dazu kam, zeigt eine Unter­suchung von drei Forschern, darunter Stefanie Walter, Professorin für Politische Ökonomie an der Universität Zürich.

Nach dem EU-Beitritt 2004 hatten rund 575 000  Polen Hypotheken in Franken statt Zloty aufgenommen. Mit dem billigen Franken schien das eine gute Idee. Doch nach dem Ausbruch der Finanzkrise verteuerten sich die Schulden und der Zinsendienst massiv. Die überraschende Aufhebung der Euro-Untergrenze von 1.20  Franken im Januar 2015 durch die Nationalbank brachte die Schuldner endgültig in Not.

Sie organisierten sich und ­forderten staatliche Hilfe. Die rechtsnationale Partei Recht und Gerechtigkeit (PIS) machte das Thema zu einem zentralen ­Element ihres Wahlkampfs und versprach, die Frankenkredite auf Kosten der Banken in Zloty-Darlehen umzuwandeln.

Die Forscher hatten vor den Wahlen in Umfragen die Wahlabsichten und die Einstellungen zu staatlichen Interventionen zugunsten der Frankenschuldner ermittelt. Dabei zeigte sich: Die PIS konnte dank des Wahlversprechens praktisch alle Frankenschuldner, die zuvor die Regierungspartei gewählt hatten, auf ihre Seite ziehen. Wegen des knappen Wahlausgangs ­genügten die Wechselwähler zum Gewinn der absoluten Mehrheit im Parlament. Ohne den Frankenschock wäre das kaum möglich gewesen, so die Forscher.

Fazit der Untersuchung: Gezielte Wahlversprechen zum Schutz spezifischer Bevölkerungs­gruppen vor ausländischen ­Einflüssen lohnen sich für ­populistische Parteien. Aber nicht für die Wähler: Die neue ­Regierung hat mittlerweile erklärt, sich nicht mehr an ihr ­Wahlversprechen zu halten.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 4. Februar 2018

Der bescheidene Trump-Effekt an der Börse

Die US-Börse boomt, und Trump wäre nicht Trump, wenn er das nicht in zahlreichen Tweets als sein Verdienst darstellen würde. Einem Faktencheck halten diese selten stand. 2017 war tatsächlich ein gutes Jahr für die Börsen, der S&P-Index stieg um rund 20 Prozent, der Dow Jones um 25. Aber jeder Börsenanfänger weiss: Was zählt, ist die relative Performance. Nach Trumps Logik wären die wahren Helden Argentiniens Präsident Mauricio Macri (+77 Prozent), der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (Türkei: +48) oder Nigerias Präsident Muhammadu Buhari (Nigeria: +42). Der Börsenaufsteig begann zudem schon nach der Finanzkrise unter Obama.

Aber man gibt den Politikern zu viel Kredit, wenn man sie für die Konjunktur oder die Börsenentwicklung verantwortlich macht. Die Kurse spiegeln Gewinnerwartungen der Unternehmen und übertreiben in beide Richtungen. Eine präsidiale Wirkung auf Aktienkurse dürfte man eher erwarten, wenn Trump bestimmte Firmen favorisiert oder attackiert. Der US-Vermögensverwalter Barry Ritholtz bildete dazu zwei Indizes. Den «Oligarchen»-Index mit Unternehmen, die von Trump gelobt oder favorisiert wurden. Und den «Sumpf trockenlegen»-Index mit den von Trump kritisierten Firmen wie Amazon, Boeing, Tesla, General Motors oder New York Times. Der «Oligarchen»-Index legte 2017 um 20 Prozent zu – der «Sumpf»-Index gewann satte 42 Prozent.

Trump zum Feind zu haben, scheint nicht zu schaden. Das dürfte dem mächtigsten Twitterer der Welt nicht gefallen. Für alle anderen ist es beruhigend: Der Zusammenhang zwischen Politik und Börse ist nicht so klar, wie sich das Trump vorstellt. Politiker haben weniger Einfluss, als sie glauben.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 21. Janaur 2018

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie diesen Text

Fühlen Sie sich gesund? Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit als ­«Zustand des vollständigen körperlichen, ­geistigen und sozialen Wohlergehens». Sollten Sie sich jetzt immer noch gesund fühlen: ­Denken Sie an die Erhöhung der Krankenkassenprämie. Spätestens jetzt dürften Sie gemäss WHO-Definition ein wenig krank sein.

Die Schweiz verfügt über eine hochstehende Gesundheitsversorgung. Sie ist auch entsprechend teuer. Nicht alle Leistungen sind dabei wirksam oder effizient. Experten schätzen, dass vielleicht ein Fünftel der von den Krankenkassen bezahlten Kosten durch mehr Effizienz gespart werden könnte. Dazu ­gehören die schätzungsweise 4 Milliarden Franken, die entstehen, weil Patienten ihre Medikamente nicht oder nicht richtig einnehmen.

Die weiteren Kosten­treiber im Gesundheitswesen sind erkannt. Es sind die Spitäler, in denen die Kosten im ambulanten Bereich, in dem der Patient das Spital gleichentags wieder verlässt, rasant wachsen. Kantonale Eigeninteressen verunmöglichen die Schliessung unrentabler Spitäler. Die hohe Ärztedichte, besonders bei den Spezialärzten, treibt die Kosten ebenso wie Patienten, die für jede Kleinigkeit medizinische Hilfe einfordern. Der Vertragszwang bringt die Krankenkassen dazu, auch mit den teuersten Ärzten zusammenzuarbeiten. Die falschen Anreize für Spitäler, Ärzte, Apotheker, Labors, Therapeuten, Hilfsmittel- und Pharmahersteller führen zu einer Überversorgung. So etwa, wenn Ärzte dank leistungsabhängiger Prämien ihren Lohn durch Mehrbehandlung erhöhen können. Oder wenn die Qualität eines Spitals an der Sterberate gemessen wird, sodass die Ärzte alles unternehmen, um Patienten am Leben zu erhalten.

Das Gesundheitswesen ist ein hochkomplexes System mit vielen Mitspielern mit unterschiedlichen Interessen und grossem politischem ­Einfluss. Reformen, die das Kostenwachstum bremsen könnten, haben es schwer. Das ­Parlament vermag sich oft nur noch auf den kleinsten ­gemeinsamen Nenner zu einigen: die Belastung des Prämien- und Steuerzahlers. Die Kosten ­werden weiter steigen, bis der Unmut der Zahler die Politik zum Handeln zwingt. Ob unter diesem Druck dann gute Lösungen resultieren oder nicht doch eher populistische Schnellschüsse, ist ­offen.

Eine solch pessimistische Einschätzung wäre gemäss WHO-Definition Ihrem Wohlergehen nicht besonders förderlich. Deshalb schliesse ich lieber mit Thomas von Aquin: «Gesundheit ist weniger ein Zustand als eine Haltung, und sie gedeiht mit der Freude am Leben.»

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 21. Januar 2018

Von Warren Buffett lernen: Jeder Rappen zählt

Warren Buffett hat seine Wette gegen die Hedgefonds gewonnen, und zwar um Längen. 2007 setzte er 1 Million Dollar darauf, dass ein billiger Indexfonds auf den US-Börsenindex S & P 500 über die nächsten zehn Jahre besser rentieren werde als eine Auswahl von Hedgefonds. Nur ein Hedgefonds-Manager hielt dagegen. Der berühmte Investor und Vorsitzende der Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway hat recht behalten. Die Hedgefonds-Profis kamen nicht annähernd an die Leistung des Indexfonds heran. Der S & P erzielte in den zehn Jahren von 2008 bis Ende 2017 eine jährliche Rendite von 7,1 Prozent, die Hedgefonds-Auswahl nur 2,1 Prozent.

Wissenschaftler weisen seit langem darauf hin, dass es aktiven Fondsmanagern nur selten gelingt, über längere Zeiträume den Markt zu schlagen. Wegen hoher Kosten schneiden sie in der Regel schlechter ab als passive Fonds und die meist wesentlich günstigeren börsengehandelten Indexfonds ETF. Hedgefonds kassieren oft 2 Prozent Gebühren und 20 Prozent des jährlichen Gewinns, zusätzlich zu den Kosten der einzelnen Fonds. ETF auf den US-Aktienmarkt verlangen dagegen meist weniger als 0,1 Prozent Gebühren.

Dabei geht es nicht so sehr um den Unterschied zwischen aktivem und passivem Investieren – dieser Streit wird endlos weitergehen. Entscheidend ist der Unterschied zwischen teuer und billig. Buffett, selbst ein aktiver Investor, zeigt mit seiner Wette, dass beim Investieren immer auch die Kosten zählen. Die Kostenunterschiede in der Fondswelt sind enorm. Wenn in diesen Tagen die Fondsabschlüsse der Banken in die Briefkästen flattern, sollte man deshalb an Warren Buffett denken. Gerade im heutigen Nullzinsumfeld zählt jeder Rappen, den man bei den Kosten spart.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 7. Januar 2017

Bitcoin, Kryptokätzchen & Co. – so lohnt sich beten

Bitcoins verloren letzte Woche rund 8000 Dollar oder 40 Prozent an Wert. Das bringt die Bitcoin-Gläubigen nicht aus dem Konzept. Ihr Credo heisst «HODL». Nach einem Kurseinbruch hatte ein Softwareentwickler 2013 in einem Blogpost mit dem Titel «I am hodling» begründet, warum er Bitcoins auf ­keinen Fall verkaufen, sondern immer halten (hold) werde. Der Druckfehler machte ihn berühmt. Seither senden die Gläubigen, immer wenn der Bitcoin-Kurs sinkt, ihr «HODL» via soziale Medien in den Äther.

Jeder kann Geld schaffen, erklärte der Ökonom Hyman Minsky, ein Experte für Finanzkrisen und Spekulationsblasen, schon vor Jahrzehnten. «Das Problem ist, es akzeptiert zu bekommen.» Das hat bei Bitcoins bisher nicht schlecht funktioniert, obwohl sie als Währung schlecht taugen. Der Handel ist anfällig für Betrug, die Transaktionen sind langsam und teuer. Am Freitag, als der Kurs steil nach unten ging, warteten zeitweise über 280 000 Transaktionen auf eine Bestätigung. Bei den Kryptokätzchen, die in den letzten Wochen Furore machten, ist die Luft allmählich wieder draussen. Ihr Durchschnittspreis hat sich seit Anfang Dezember fast halbiert, Spitzenpreise wurden nicht mehr bezahlt. Es sieht so aus, als ob die Preise von über 100’000 Dollar von Früheinsteigern manipuliert waren, um Spieler anzulocken.

Mit Kryptowährungen ist fast alles möglich. Zum Beispiel ein digitalisiertes Gebet – «an Gott gesandt und in der Blockchain gespeichert». Der Prayer Token kostet derzeit rund 18 Dollar. «Ich weiss nicht, ob Gebete wirken, aber wenn sie es tun, dann erhalten Sie mehr Wert mit einem Prayer Token als mit jeder anderen Währung», verspricht der Anbieter. «Andere Kryptowährungen auf dem Markt wollen nur Ihr Geld – ich will Ihre Seele retten!» Das klingt doch nach einem fairen Angebot.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 24. Dezember 2017

«No Billag»: Wegen einer Sendung muss man ja nicht gleich den Sender schliessen

 

«Jeder Rappen zählt» ist endlich zu Ende. Eine Woche lang mit Dauerwerbesendungen auf ­allen Kanälen hat Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) Geld gesammelt für einen guten Zweck. «Wieder richtig berührend» sei das gewesen, finden die Macher. «Sieben Tage lang ein warmes Gefühl in der Brust. Sieben Tage lang praktisch keinen Schlaf.» Sie feiern vor allem sich selber.

Die SRF-Aktion illustriert trefflich das Problem der Schweizerischen Radio- und Fernseh­gesellschaft in Zeiten von No Billag. Was die ­Radio- und Fernsehleute als philanthropisches ­Engagement ansehen, ist für Kritiker ein weiteres Beispiel für die Aggressivität und Masslosigkeit, mit der die SRG sich auf neuen Geschäftsfeldern breitmacht. «Jeder ­Rappen zählt» generiert nicht neue Spenden, sondern verteilt sie bloss um. Gegen die Werbewirkung von SRF haben kleinere Hilfswerke keine Chance.

Die No-Billag-Initiative, über die wir am 4. März abstimmen, will eine staatliche Finanzierung von Radio und Fernsehen verunmöglichen. Die Abschaffung der SRG, noch vor wenigen Jahren undenkbar, rückt in den Bereich des Möglichen. Die Meinungsumfragen deuten derzeit auf ein Ja hin. Allerdings sollte man vorsichtig sein mit ­Umfragen. Es wird immer schwieriger, eine gute Stichprobe für Telefon- oder Onlineumfragen zu finden. Ausserdem steht der Meinungsbildungsprozess noch am Anfang. Auf den sozialen Medien wird zwar schon seit Wochen heftig gestritten, aber in diesen Filterblasen macht die schweigende Mehrheit nicht mit. Die gegnerische Kampagne ist noch nicht richtig angelaufen. Wie nebenstehende Umfrageresultate zeigen, ist vielen Befragten noch nicht klar, was die Konsequenzen eines Ja wären.

Die Gegner der Initiative haben es nicht leicht. Konservative nerven sich über den Linksdrall in manchen Sendungen, die Ausdehnung der SRG weckt Widerstand. Vor allem aber findet jeder Fernsehzuschauer mit Leichtigkeit etwas, das ihm an SRF nicht passt. Normalerweise würde man einfach umschalten, wenn «10 vor 10» wieder mal langweilt oder der «Kulturplatz» Sendezeit vergeudet. Dank No Billag wird das Fluchen und Klagen jetzt gehört. Aber wegen einer Sendung, die einem nicht passt, muss man ja nicht gleich den Sender schliessen.

Man sollte nicht vergessen, dass die SRG viele gute Journalisten beschäftigt und Informationssendungen produziert, die in der kleinen Schweiz ohne Gebühren nicht zu finanzieren wären. Ohne starke Medien, ob staatlich oder privat, gibt es nur sich selbst bestätigende Filterblasen. Starke Medien bieten den Raum für Auseinandersetzungen und Debatten, auf den eine direkte Demokratie wie die schweizerische angewiesen ist.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 24. Dezember 2017