Das schlechte Gewissen beim Elfmeter

24 Penaltys sahen wir in den 48 Gruppenspielen der Fussball-Weltmeisterschaft in Russland, einen auf zwei Spiele. So viele waren es in einem ganzen Turnier noch nie. Drei von vier Schützen waren erfolgreich. Der Videobeweis entlarvte Neymars Schwalbe und verhinderte einen Penalty gegen Costa Rica. Die Ökonomen Mario Lackner und Hendrik Sonnabend hätten Neymar wohl gerne schiessen sehen. Sie untersuchen nämlich, wie sich der Mensch verhält, wenn er einen ungerechtfertigten Vorteil zugespielt erhält. Erkenntnisse aus der Psychologie und Verhaltensökonomie legen nahe, dass uns dies stresst, zögern lässt, Schuldgefühle auslöst und so unsere Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.

Sie testeten die Hypothese erstmals nicht im Labor, sondern im Fussball, wo es um viel Geld und Prestige geht. Dazu untersuchten sie sämtliche 857 Elfmeter aus zehn Saisons der 1. Bundesliga und stuften den Schiedsrichterentscheid als «korrekt», «falsch» oder «zweifelhaft» ein (hier das PDF). Entgegen den Erkenntnissen aus Theorie und Laborexperimenten war die Erfolgsquote völlig unabhängig von der Qualität des Schiedsrichterentscheids. Zu Unrecht gepfiffene Penaltys wurden sogar etwas häufiger versenkt. Dabei spielte es keine Rolle, ob der vermeintlich gefoulte Spieler selber antrat oder ein Teamkollege. Die Trefferquote bei ungerechtfertigten Elfmetern sank dagegen deutlich, wenn es für das Resultat keine Rolle spielte, also das Spiel längst entschieden war.

Im Labor lassen wir uns noch von Fairnessüberlegungen und Schuldgefühlen beeinflussen. Aber im richtigen Leben und wenn es um etwas geht, ist der Egoismus stärker. Die Hoffnung, das schlechte Gewissen lasse Neymar versagen, ist vergebens. Wer Fairness will, setzt besser auf den Videobeweis.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 1. Juli 2018

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