Gegen Abwanderung und Überalterung sind ausgefallene Ideen gefragt

Die Gemeinde Lohn in der bündnerischen Region Viamala zählt noch 41 Einwohner. Im Kampf um das Überleben des Dorfes greift sie zu ausgefallenen Massnahmen: Statt Familien mit Kindern will sie Pensionierte ansiedeln. Die haben Zeit für die Übernahme von Ämtli im Dorf, während jedes Kind, das die Gemeinde nach Donat oder Zillis zur Schule schickt, das schmale Budget mit rund 30 000 Franken pro Jahr belastet.

Not macht erfinderisch. Die von Abwanderung und Überalterung bedrohten Gemeinden lassen sich einiges einfallen, wie der nebenstehende Bericht zeigt.

Die Schweizer Bevölkerung hat seit 1960 von 5,36 auf 8,48 Millionen zugenommen, also um 58 Prozent. Damit gehört die Schweiz zu den am stärksten wachsenden Ländern Europas. Gewachsen sind Städte und Agglomerationen, zu einem guten Teil durch Zuzüger aus den Randgebieten und aus dem Ausland. In den Randgebieten fehlen oft Arbeitsplätze, Ausbildungsmöglichkeiten und Unterhaltungsangebote für Junge. Abwanderung und Überalterung sind die Folge. 1970 war die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer älter als 32 Jahre, heute ist die Hälfte älter als 42 Jahre. Die Schweizer Gemeinden haben sich unterschiedlich entwickelt, manche Gemeinden sind stark gealtert, andere jünger geworden, wie die NZZ kürzlich aufgrund von Daten des Bundesamtes für Statistik berechnete.

Viele betroffene Gemeinden suchen ihr Heil in Fusionen. In den letzten zehn Jahren verschwanden so fast 500 Gemeinden aus der Statistik, im Schnitt also 50 pro Jahr. Und im laufenden Jahr haben bereits weitere 145 Fusionsabsichten angekündigt. Sie hoffen auf Synergien durch den Wegfall von Gemeinderäten, das Zusammenlegen der Verwaltung, gemeinsame Schulen oder eine bessere Auslastung der Infrastruktur.

Die Hoffnungen sind allerdings oft übertrieben, wie eine Untersuchung von 142 Gemeindefusionen durch die Ökonomin Janine Studerus zeigt. Über alle betrachteten Gemeindefusionen hinweg waren keine systematischen Spareffekte erkennbar. Der Bürokratieabbau durch Fusionen erweist sich offenbar häufig als Illusion. Einsparungen in gewissen Bereichen werden durch Ausgabensteigerungen anderswo kontrastiert.

Kleinen Gemeinden, die ihre Ämter nicht mehr besetzen können, bleibt oft kein anderer Ausweg. Aber Gemeindefusionen sind kein einfaches Rezept für Kostenersparnisse oder Qualitätssteigerungen. Gegen Abwanderung und Überalterung sind weiterhin ausgefallene Ideen gefragt – wie zum Beispiel die Kampagne «Rentner gesucht» im bündnerischen Lohn.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 24. Juni 2018

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