Finnland, die Türkei und das Mint-Paradox

Frauen sind in den sogenannten Mint-Fächern stark untervertreten. In Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik machen sie in der Schweiz nur 30 Prozent der Studierenden aus, in den anderen Fächern 58 Prozent. Weil Mint-Fächer gute Voraussetzungen für die Karriere bieten, will die Politik den Frauenanteil steigern.

Nun zeigt eine Studie mit Daten aus 67 Ländern ein interessantes Paradox: Länder mit hoher Geschlechtergerechtigkeit haben weniger Frauen in Mint-Fächern. So fördern die sehr gleichberechtigten Finnland und Norwegen seit Jahrzehnten eine genderneutrale Erziehung. Aber mit rund 20 Prozent Frauen in den Mint-Fächern liegen sie weit zurück. Der Frauenanteil ist dagegen höher, wo es um die Gleichberechtigung schlecht steht. In Algerien, Tunesien oder der Türkei werden Frauen am stärksten benachteiligt. Aber ihr Anteil in den Mint-Fächern beträgt um die 40 Prozent.

Mehr Gleichberechtigung führt paradoxerweise zu weniger Frauen in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Einen wesentlichen Teil der Unterschiede erklären die Forscher durch die grössere Wahlfreiheit der Frauen. Buben sind schulisch im Durchschnitt schwächer. Sie wählen Mint-Fächer, weil ihr Nachteil dort vergleichsweise am geringsten ist. Den überlegenen Mädchen stehen dagegen alle Fächer offen. In den gleichberechtigten und wohlhabenden Gesellschaften wählen sie die Studienrichtung nach persönlichen Vorlieben und Interessen. Wo sie benachteiligt sind, wählen sie Studienrichtungen, die ihnen sichere und gut bezahlte Jobs bringen – das sind oft Mint-Fächer.

Ihr geringer Anteil hängt damit zusammen, dass Frauen in gleichberechtigten Gesellschaften persönliche Interessen höher gewichten können als Lohn- und Karriereperspektiven. Das Mint-Paradox legt den Schluss nahe, dass eine gleiche Geschlechterverteilung in Studienfächern und Berufen in einer freien Gesellschaft nicht nur schwer zu erreichen ist. Es ist wohl auch das falsche Ziel.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 25. März 2018

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