Irgendwo auf der Welt sind fast immer Schweizer in Schwierigkeiten

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Aber manchmal geht etwas schief, und dann haben alle anderen was zu erzählen. 2011 bewegte die Entführung eines Polizisten-Paares aus Bern, das im VW-Bus durch das wilde Belutschistan fuhr – gegen die  Warnungen vor dieser berüchtigten Provinz in Pakistan. Die Empörung über die Abenteurer schlug damals hoch, der Fall hatte politische Folgen. Seit zwei Jahren ist das «Bundesgesetz über Schweizer und Institutionen im Ausland» in Kraft. Wer sich fahrlässig verhält, muss sich als Verursacher von staatlichen Rettungs- und Hilfsaktionen an den Kosten beteiligen. Das macht Sinn.

Die Zahl der Schweizer, die im Ausland für Zwischenfälle sorgen und staatliche Hilfsaktionen auslösen, steigt ständig. Im laufenden Jahr mussten die Spezialisten im Aussendepartement schon 649 neue Dossiers eröffnen – im Schnitt mehr als zwei pro Tag. Vor zehn Jahren waren es im ganzen Jahr erst 463 gewesen.

Das hat auch mit unserer Reisefreudigkeit zu tun: Mehr als zehn Millionen Auslandsreisen unternehmen die Schweizer jedes Jahr. Irgendwo auf der Welt sind fast immer Schweizer in Schwierigkeiten. Manche unverschuldet, manche fahrlässig.

Hilfe brauchen derzeit die Basler Missionarin Beatrice Stöckli und die 71-jährige Entwicklungshelferin Margrit Schenkel, die in Mali beziehungsweise Darfur entführt wurden.

Viele Kommentatoren in den Onlineforen sind gerade bei Entführungsfällen gnadenlos in ihrem Urteil: «Selber schuld», «Null Mitleid», «Lassen wir sie doch, wo sie sind, und vergessen sie.» Aber Fälle von Grobfahrlässigkeit sind extrem selten. Viel öfter geht es um Pleiten, Pech und Pannen, um Unvorsichtigkeit und ja, manchmal um Dummheiten. Vielerorts genügt auch eine falsche Anschuldigung, um einen für längere Zeit hinter Gitter zu bringen.

«Selber schuld» ist kein hinreichender Grund, Menschen im Stich zu lassen. Unsere Hilfe brauchen ohnehin nicht jene, die nie Fehler machen. Sondern wir fehleranfälligen Durchschnittsmenschen. Dass wir uns dann nach Möglichkeit an den Kosten beteiligen, ist nur fair.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 15. Oktober 2017

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