Die AHV ist zu alt geworden

Mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung kommt ein Schweizer heute auf gut 700 000 Lebensstunden. Davon arbeitet er effektiv etwa 40 Jahre à 1700 Stunden. Das ergibt also etwa 70 000 Stunden – rund 10 Prozent der Lebenszeit. Mit so wenig effektiver Arbeitszeit finanziert er alles, was er braucht, auch die Rente für die mittlerweile mehr als 20 Jahre als Pensionär.

Das sei eine «riesige Errungenschaft», meinte Maurice Pedergnana, Wirtschaftsprofessor in Luzern, an einer Podiumsdiskussion des «Schweizer Monats». Man solle doch bitte nicht über die Beitragslast jammern. Tatsächlich hätten sich unsere Vorfahren nie träumen lassen, dass man jemals mit so wenig Arbeitsaufwand so viel Freizeit würde finanzieren können.

In der Auseinandersetzung um die Altersvorsorge 2020 interessieren solche Rechnungen nicht. Jammern und Klagen scheint so ziemlich das Einzige zu sein, worin die verschiedenen Parteien übereinstimmen. Das Ziel der Reform war die Wahrung des Rentenniveaus und die finanzielle Sicherung der 1. und 2. Säule bis 2030.

Weil wir zum Glück immer älter werden, weil die geburtenstarken Jahrgänge ins Pensionsalter kommen und weil die Finanzmärkte als dritter Beitragszahler seit Jahren nur noch spärlich Rendite liefern, wird die Rechnung immer teurer. Seit Einführung der AHV wächst die durchschnittliche Lebenserwartung jedes Jahr um rund 100 Tage, aber eine Diskussion über eine allmähliche Anpassung des Rentenalters scheint nach wie vor unmöglich.

Weder der Vorschlag des Ständerats noch jener des Nationalrats stellt die Altersvorsorge auf eine sichere Basis. Nach der aktuellen Gesetzeslage werden alle heute lebenden Jahrgänge in ihrem restlichen Lebensverlauf mehr Leistungen von der AHV beziehen als einzahlen. Die jetzt diskutierten Reformvorschläge ändern daran nur wenig: Alle ab 25 werden über ihre Lebenszeit hinweg mehr Leistungen beziehen, als sie einzahlen. Die Reform bringt also höchstens Stückwerk, ein Ausbessern der gröbsten Schäden. Und letztlich geht es vor allem darum, wer schliesslich die Rechnung zahlt.

Die heutigen Rentner haben zwar oft Angst vor Rentenkürzungen, aber sie sind die einzigen, die auf der sicheren Seite stehen. Ihre Renten werden nicht angetastet. Die Babyboomer der Jahrgänge 1955 bis 1964 (zu denen ich auch gehöre) sitzen in Politik und Wirtschaft an den Schalthebeln und sind ein Machtfaktor an der Urne. Sie werden weitgehend geschont.

Die Hauptlast tragen folglich die Jungen. Sie interessieren sich noch kaum für die Altersvorsorge und haben politisch wenig Gewicht. Gar keine Lobby haben die noch ungeborenen Generationen. Da fällt es noch leichter, ungedeckte Checks auszustellen.

Die Politiker reden zwar viel von Nachhaltigkeit. In der Altersvorsorge halten sie sich aber lieber an das bewährte Prinzip «Nach uns die Sintflut».

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 5. März 2017

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