Ewige Nachfrage nach Religion

4.9.2016 / Armin Müller

3598929294_89de761523_o

Mutter Teresa erhält den Père Marquette Discovery Award, 1981 (Marquette University CC)

Heute wird Mutter Teresa von Papst Franziskus heiliggesprochen. Rund 100 000 Gläubige sind auf dem Petersplatz in Rom dabei, Millionen verfolgen die Zeremonie am Bildschirm.

Letzte Woche befreite die peruanische Polizei eine Gruppe von Sektenmitgliedern, die sich eingeschlossen hatten, um auf den Weltuntergang zu warten. Als der nicht wie prophezeit eintraf, warteten sie einfach weiter. Anhänger der Apokalypse müssen nie lange warten, der nächste Weltuntergang steht schon bereit. Mitte September soll die Erde mit dem Phantomplaneten Nibiru kollidieren.

Der Glaube kann Massen in Bewegung setzen. Aber er ist schwer zu messen, weil Umfragen zu religiösen Dingen unzuverlässig sind. Vier US-Forscher haben deshalb die Rolle des Glaubens als Treiber für die Nachfrage nach Religion mit einem Experiment untersucht, das soeben im «Journal of Public Economics» veröffentlicht wurde.

Mitglieder einer christlichen Sekte hatten die Wahl: 5 Dollar jetzt oder bis zu 500 Dollar einen Monat nach dem von ihrem Anführer vorhergesagten Weltuntergang. Sie wählten die 5 Dollar, waren also überzeugt, dass Geld später nichts mehr wert sein würde. Die Mitglieder einer anderen Sekte, die ebenfalls an den Weltuntergang glauben, aber das genaue Datum nicht kennen, wählten dagegen die grösseren Beträge, die erst nach dem Untergangsdatum ausbezahlt wurden. Nach seiner Fehlprognose nannte der Sektenguru sofort ein neues Datum. Die wahrhaft Gläubigen störte das nicht.

Schon unzählige Weltuntergänge haben versagt, trotzdem bleibt die Nachfrage ungebrochen. Die Gläubigen lassen sich auch von Misserfolgen und hohen Kosten nicht beeindrucken. Ihr Glaube ruft nach einem religiösen Angebot.

Dem kann sich auch die stärkste Organisation auf dem Markt der Religionen nicht entziehen. So passt die katholische Kirche ihr Angebot an. Papst Franziskus hat in knapp dreieinhalb Jahren schon 23 Personen und die «800 Märtyrer von Otranto» heiliggesprochen. Macht er in diesem Tempo weiter, wird er sogar Johannes Paul II. überholen. Der polnische Papst machte doppelt so viele Kandidaten zu Heiligen wie seine Vorgänger in 400 Jahren zusammen.

Dieser Beitrag erschien in leicht gekürzter Version zuerst in der SonntagsZeitung vom 4. September 2016

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s