Gefangen in der Einheitswährung

18.7.2016 / Armin Müller

Und wieder wanken in Europa die Banken. Die Aktien von Unicredit, Deutsche Bank, BNP Paribas, Santander oder Credit Suisse haben in den letzten Wochen massiv an Wert verloren. Knapp acht Jahre nach Lehman Brothers haben manche der europäischen Grossbanken noch immer zu wenig Kapital. In Italien wird der Staat für die Rettung aufkommen müssen. Die faulen Kredite in den Bankbilanzen sind schon lange bekannt. Die italienische Regierung und die Behörden der Eurozone haben die Sanierung hinausgezögert bis zum Gehtnichtmehr.

Die neue Bankenkrise ist aber nicht nur die Folge von Managementfehlern und politischer Nachlässigkeit. Wenn die Wirtschaft nicht wächst, können angeschlagene Banken nicht gesunden. Die italienische Wirtschaft hat sich von den zwei schweren Rezessionen seit 2008 nicht erholt. Die Arbeitsproduktivität sinkt, das Bruttoinlandprodukt pro Kopf ist heute tiefer als 2008.

Das Land kann seine Wettbewerbsfähigkeit nicht mehr über eine Abwertung der Währung verbessern, sondern nur über sinkende Löhne. Wie Griechenland bleibt auch die drittgrösste Volkswirtschaft der Eurozone in der Einheitswährung gefangen. Wie der liberale Soziologe Ralf Dahrendorf 1995 gewarnt hat, begeben sich schwache Länder in einer Währungsunion auf die Stufe einer Kolonie. Das Schicksal der Regierung Renzi wird in Brüssel, Berlin und Paris entschieden, nicht in Rom.

Die Eurozone leidet weiter an ihrem Geburtsfehler. Eine Währungsunion kann nicht funktionieren ohne starke Koordinierung der Steuer-, Finanz- und Haushaltspolitik ihrer Mitgliedsländer. Doch spätestens der Brexit hat klargemacht, dass eine weitere Integration mit den Bürgern nicht mehr zu machen ist.

«Scheitert der Euro, dann scheitert Europa», erklärte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel vor sechs Jahren. Was für eine Fehleinschätzung. Europa scheitert am Euro.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SonntagsZeitung vom 17. Juli 2016

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